Kennen Sie die Krete? Nein? Macht nichts. Ich kannte sie auch nicht. Bis mir Herr Genzmer aus Flensburg zwei Gläser "Kretenmarmelade" schickte. Und einen Steckbrief der Pflanze. Die haben wir uns als einen dornigen Baum vorzustellen, der vorzugsweise auf dem Knick wächst. Und ein Knick, das wusste ich auch nicht, ist in Norddeutschland eine Hecke, einen Feldrain, also das, was eine Landschaft verschönt und von den Beamten der Agrarindustrie erbarmungslos weggerodet wurde, weshalb die Krete so selten geworden ist wie das Niederwild und viele Vogelarten. Sie ist eine Urpflanze und wächst als Wildstrauch in der Türkei.

Im Übrigen ist die Krete eine Schlehenart, aber keine Schlehe! Sie hat im Spätherbst kirschgroße blaue Früchte. Davon macht Herr Genzmer Konfitüre und zieht neue Sprösslinge, um die alte Pflanze vor dem Aussterben zu bewahren. Und wie nun schmeckt die Kretenmarmelade? Sie hat keinen unverwechselbaren Eigengeschmack, man möchte sie für eine Mischung aus Pflaumen und Johannisbeeren halten, also süß mit jenem Anteil an frischer Säure, die süße Sachen für die erwachsene Zunge erst erträglich macht.

In unserer Zeit der Globalisierung, wo alles gleich schmeckt, weil Massenproduktionen ein fatales Vorfahrtsrecht haben, ist das Bemühen Einzelner um Erhaltung einer Art überaus notwendig und lobenswert. Es gibt in allen Teilen Deutschlands Botaniker und Gärtner, die sich in ähnlicher Weise um spezielle, alte Obst- und Gemüsesorten kümmern und dafür sorgen, dass sie nicht vollständig der Konfektionierung unserer Ernährung zum Opfer fallen. Diesen Einzelkämpfern gegen die Gleichmacherei gilt mein Respekt.

Ihr Gegenteil ist der Mainstream, das sind die vielen mit der gleichen Meinung und den gleichen Neigungen, nach denen sich Medien und Politik richten. Vielleicht nicht in jedem Fall, wie man vermuten könnte angesichts der von der neuen Regierung geäußerten Absicht, die Atomkraftwerke länger am Netz zu lassen als ursprünglich verabredet. Sogar neue AKWs will die Atomlobby bauen, zu deren Sprecher sich Roland Koch aus Hessen gemacht hat. Und das wagen sie einem Volk ins Gesicht zu sagen, dass notorisch ängstlich ist! Die wir sofort auf das Huhn im Topf verzichten, wenn in der Türkei die Vogelgrippe gesichtet wird. Ich weiß von Familien, die damals, als das Ding in Tschernobyl explodierte, mit Kind und Kegel bis Australien geflohen sind. Und von denen, die hier blieben, wollten viele keine Pilze mehr essen, weil die angeblich schwer verstrahlt waren, vor allem wenn sie aus Polen stammten, wo mehr Pilze wachsen als bei uns und wo es Menschen gibt, die Pilze gegen einen Mindestlohn emsig sammeln, wie sie auch Spargel ziemlich ermüdungsfrei stechen können.

Im Gegensatz zu unseren alten Arbeitslosen haben unsere neuen Regierungsmitglieder nicht lange gezögert. Noch bevor wir ihre Namen lernten und sie den Ressorts zuteilen konnten, waren sie schon aktiv. Also beschloss die Große Koalition unter Angela Merkel: In Deutschland darf endlich Genmais angepflanzt werden.

Einen Tag später läutete dann der neue Verbraucherminister Seehofer das Ende der verhassten biologischen Landwirtschaft ein, um das der radikale Bauernpräsident Sonnleitner jeden Abend zu seinem Herrgott gebetet hat.

Die Eile, mit der hier die wenigen Themen, die den Verbraucher direkt angehen, aufgegriffen wurden, um sie dingfest zu machen, zu deformieren und zu massakrieren, ist erschreckend. Alles, was die vorige Regierung durch Frau Künast in jahrelanger Kleinarbeit den Interessengruppen abgerungen hat, alle agrarpolitischen Gesetze, alle Verordnungen zum Schutz der Tiere und des Verbrauchers, die ihn hoffen ließen, für sich und seine Familie, für seine Gesundheit und nicht zuletzt für seine Zunge eine einigermaßen akzeptable Nische gefunden zu haben, werden sofort und radikal abgeschafft. Das, was dem ersten Ansturm der neuen Regierung noch nicht zum Opfer fiel, steht dafür im Fahndungsbuch der Lobbyisten, das diese nicht mehr unter Verschluss halten müssen. Es liegt jetzt als Anhang dem Koalitionsvertrag bei.