"Beim Blättern in einem alten Jahrgang des Schach-Echo entdeckte ich zufällig das Foto einer jungen Frau, deren hintergründig verschmitztes Lächeln mich unvermittelt fesselte. Wer war dieses ›Fräulein Sonja Graf‹, und warum wurde sie, 1934 als ›beste deutsche Schachspielerin‹ bezeichnet, in der Folgezeit in den zeitgenössischen deutschen Schachzeitungen aber kaum noch erwähnt?"

So beginnt Michael Negele seinen Bericht in der Schachkultur-Zeitschrift Karl über eine Frau, die zu ihrer besten Zeit nur der legendären Miss Vera Menchik (die im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff auf London umkam) schachlich den Vortritt lassen musste.

Bereits als fünf- oder sechsjähriges Mädchen erlernte Sonja das Schachspiel im Kreis ihrer Familie. Vor allem ihr Vater war ein begeisterter Schachspieler. Als sie allerdings Jahre später den Münchner SC aufsuchen wollte, war der Vater strikt dagegen: "Ein junges Mädchen, das mit den Männern Schach spielen will – völlig unmöglich!"

Für sie hingegen war Schach eine Chance, sich über familiäre und gesellschaftliche Schranken hinwegzusetzen. In den Münchner Cafés erregte das "attraktive Fräulein" schnell das Interesse der Schachspieler, von 1931 an hatte sie sogar einen Stammplatz am Tisch des "Lehrmeisters Deutschlands", Siegbert Tarrasch. Ein überragender Erfolg in Wien 1932 bestärkte sie darin, Deutschlands erste Berufsschachspielerin zu werden.

Alfred Brinckmann in den Deutschen Schachblättern: "Ihre Partien zeugen von Kraft und Unternehmungslust, die manchem Vertreter des stärkeren Geschlechts wohl anstehen würde." Um dann verallgemeinernd fortzufahren: "Wenn Frauen in ihren Erfolgen nicht völlig auf gleicher Höhe mit ihren männlichen Kollegen stehen und stehen werden, so darf ihnen das nicht zum Nachteil angerechnet werden. Ist es doch die natürliche Folge jener Zartheit und Milde, die der Himmel den Frauen als schönste Gabe in den Schoß gelegt hat."