Die Schere zwischen Arm und Reich ist ein monströses Ding. Soeben hat es in Dresden sein Eisenmaul aufgesperrt. In der Semperoper wurde, zum ersten Mal seit 1939, ein Opernball gefeiert, weil jetzt die Zeit ist, an große Traditionen anzuknüpfen. Das Fest war seit Monaten ausverkauft, 2300 Gäste zahlten Eintrittspreise zwischen 1400 und 300 Euro. Es war ein Abend, den Senta Berger und Gunther Emmerlich nicht nur moderierten, sondern liebevoll rhetorisch einseiften und frottierten, und ein Dresdener Juwelier, Herr Leicht, hatte sich für den Abend eine Loge zum Preis von 57 600 Euro gemietet, damit es seine 48 besten Freunde und Bekannten etwas gemütlicher hatten (Bild titelte: Reiches Dresden).

Wendete man sich von der Semperoper ab und ging durch den Zwinger, so erreichte man nach zwei Minuten das Dresdener Schauspielhaus, wo am selben Abend das Musical Hartz IV uraufgeführt wurde. Es ging darin um Arbeitslose, die im Wartezimmer des Arbeitsamtes zusammensaßen, aus Hunger leichenstarre Ratten grillten und einander am Ende kollektiv entleibten (Bild titelte: Armes Dresden).

Stand man am Eingang des Zwingers, so hatte man auf einer Blickachse das ganze deutsche Programm, den Größenwahn des kommenden Weltmeisters und die Verzweiflung des Weltsauertopfs: den Nerz und die Ratte, die Champagnerbar und den Gully. Wir waren nicht wegen des Champagners nach Dresden gekommen, sondern wegen des Elends. Wir ließen den Ball links liegen und folgten der Spur der Ratten.

Hinab, hinab! Die Theaterbühnenbilder dieser Tage ähneln sich auffällig. Es sind Orte ohne Fenster und ohne Türen, Außenwelt ist nicht ahnbar. So ist es auch in Dresden bei Hartz IV. Diese Räume, so stellt man sich vor, liegen tief unter der Erde - es sind Verliese, Fallen, Bunker. Es geht von hier aus nicht tiefer, es geht aber auch nicht mehr zurück nach oben. Wenn diese Räume doch Türen haben, so sind es allenfalls Klotüren.

Die typische Theaterkulisse derzeit ist ein Ort der Verstopfung - der überforderte Darm eines riesigen Organismus. Was sich hier ansammelt, ist überflüssig und kann nicht abgeführt werden.

Es gibt in Europa zu wenig Arbeit und in weiten Teilen der Welt zu wenig Nahrung und zu wenig sauberes Wasser. Andersrum gesagt: Es gibt zu viele Menschen. So sieht das Theater die Sache. Es erzählt gern vom Überfluss. Der Überfluss, den es behandelt, ist der Überfluss an Menschen.

Es wimmelt auf den deutschen Bühnen von Freisetzungstragödien, von komischem Menschenabwicklungstheater. Zahlreiche Stücke verhandeln die Angst der Manager und Angestellten vor dem Absturz. Jedoch, ganz selten geht es um die Menschen, deren Leben unmittelbar in Gefahr ist, die also mit Krieg, Hunger und verseuchtem Wasser zu kämpfen haben. Eins der wenigen schlagenden Beispiele für solches Theater stammt aus Frankreich, es ist Le dernier Caravansérail von Ariane Mnouchkine und dem Théâtre du Soleil.