Berlin

Der Start hätte einfacher sein können. Ohne Vergangenheit. Ohne Aufräumarbeiten. Ohne Zwang zur Defensive. Ohne die Erfahrung, wie schnell man allein ist, wo eben noch mehrere gemeinsam verantwortlich waren. Und auch ohne "die Meute", wie die Autorin Herlinde Koelbl den neuen Berliner Journalismus einmal auf den Begriff brachte. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (31.12.2005) BILD

Nicht, dass Frank-Walter Steinmeier die für ihn neue Hitze des Rampenlichts nicht aushielte. Aber eigentlich würde er sich gern auf seine eigentlichen Aufgaben als neuer Außenminister konzentrieren. Auf den Iran. Seine bevorstehende Nahostreise. Europa und seine Probleme. Nicht auf die "Enthüllungen" anonymer amerikanischer Quellen und nicht auf das, was er als innenpolitischen Versuch wertet, der alten Regierung nachträglich die Glaubwürdigkeit abzusprechen. Aber hilft ignorieren?

Wegschauen geht nicht, der Kanzleramtschef der Schröder-Regierung weiß das. "Sie können sich darauf verlassen", sagte er vor kurzem in den Mikrofonwald, "dass ich und meine Partei die Versuche, die ich da erkenne, Geschichte umzuschreiben, so nicht zulassen werde." Das war für Steinmeier, bekannt als ruhiger Manager der Macht, ein humorvoller Mensch mit der seltenen Begabung zur Selbstironie, fast schon ein Gefühlsausbruch. Zorn hat er bisher, anders als der Vollblutpolitiker Gerhard Schröder, öffentlich nicht erkennen lassen.

Jetzt schon. Angela Merkels sozialdemokratischer Außenminister steht nicht ganz allein mit der Vermutung, dass die Enthüllungen – manche in Wahrheit nur aufgefrischte Erinnerungen an vergessene Fälle – kein Zufall sind. Zwar glauben die wenigsten an einen Masterplan aus Amtszimmern der Bush-Administration mit dem Ziel, die Rot-Grünen im Nachhinein zu diskreditieren. Aber immerhin: Gezieltes Lob für die effiziente Hilfe im Irak-Krieg und für fleißige Zulieferungen im Antiterrorkrieg, das könnte den Rot-Grünen daheim schon einige Schwierigkeiten machen. Macht es ja auch. Und warum sollten das die amerikanischen Freunde der neuen Kanzlerin nicht gern in Kauf genommen haben?

Andere sagen, das sei zu kompliziert. Aber vielleicht sollte den Deutschen nach dem Regierungswechsel doch immerhin demonstriert werden, so lautet eine andere Verschwörungstheorie light aus dem Umfeld der Regierung, dass man sich nicht ungestraft auf Kosten Amerikas als Friedenspolitiker darstellt, wenn man in Wahrheit gar nicht so unschuldig geblieben war. Motto: Ich kann immer erzählen, was wir miteinander getrieben haben… Diese Botschaft, mutmaßen diejenigen, die nach der verbindenden Idee hinter den Indiskretionen suchen, könnte auch der neuen Kanzlerin gelten. Für alle Fälle, sollte sie – apropos Guantánamo – die Solidaritätserwartungen enttäuschen.