In Berlin gibt es eine Stadtillustrierte, welche tip heißt. In jedem Jahr bringt der tip eine in Berlin viel beachtete Liste der "100 peinlichsten Berliner" heraus. Ich lese diese Liste, obwohl sie ein bisschen doof ist, immer mit einer gewissen Schadenfreude. Nichts gegen Schadenfreude. Die Liste umfasst hauptsächlich Prominente, die etwas Dummes getan haben oder sich zu wichtig nehmen, darunter manchmal auch Prominente, die ich okay finde. Hellmuth Karasek war, ebenso wie Lea Rosh, eigentlich immer auf einem der vorderen Plätze. Karasek ist wirklich ein netter Typ, auch wenn er zu viele Quizsendungen macht und auf seine alten Tage ein bisschen reaktionär geworden ist. Obwohl, soll er ruhig, andere fangen schon mit 30 an.

Als ich ins Büro kam, sagte eine Kollegin: "Du bist auf der Liste der peinlichsten Berliner, Platz 27." Als Erstes dachte ich: "Whow, ich wusste gar nicht, dass ich so prominent bin, auf Platz 27 erwartet man doch Heiner Lauterbach oder den Dalai Lama." Als Zweites dachte ich: "Wieso eigentlich? Ich bin doch voll der nette Typ und total bescheiden." Dann schlug ich das Heft auf. Ich war 68 Plätze vor Michael Naumann, sieben Plätze vor Tatjana Gsell und einen Platz vor Angela Merkel, knapp vor mir lagen Benjamin von Stuckrad-Barre und Claus Peymann, das ist so ein Theaterregisseur. Karasek kam überhaupt nicht mehr vor, nur Lea Rosh ist immer noch auf der Piste.

In der Begründung stand, ich hätte früher "ein Kassengestell, einen gutbürgerlichen Haarschnitt, eine gute Schreibe" besessen, heute dagegen würde ich "die Haare lang wachsen lassen, ein Grungebärtchen heranzüchten und schmerzhaft aussehende Designerbrillen tragen". Ich habe keine Ahnung, was ein "Grungebärtchen" oder gar eine "gute Schreibe" ist, Gott sei mein Zeuge.

Es war das erste Mal, dass ich als Person wichtig genug genommen wurde, um einer öffentlichen Schmähung teilhaftig zu werden. Ich dachte, warum nicht, das gehört zum Business dazu, kein Problem. Zufällig stieß ich ein paar Minuten später im Internet, Spiegel Online, auf einen Artikel über eine deutsche Studentin, die zum Test einen Monat bei einer Muslimfamilie zugebracht hat, über dieses Experiment lief ein Film bei RTL. Die Frau sei ein "Dummi", hieß es in dem Artikel, sie "hat keine Ahnung", sie sei "in kultureller Hinsicht eine virgo intacta". Plötzlich erkannte ich, dass Prominentenschmähungen eine heilsame Sache sind, denn die Wut auf die Welt, die jeder manchmal hat, auch ich, muss ja irgendwie raus. Karasek, Peymann und ich halten das aus, diese arme Studentin aber wird völlig fertig sein, so eine Schweinerei. Nehmt mich! Lasst die Studentin in Ruhe! Ich dachte, ich bin stark, ich biete mich freiwillig für alle Schmähungen der nächsten sechs Monate an. Dann ging ich zur Toilette, schaute in den Spiegel und dachte: "Ich bin also der neue Karasek. Ich bin ein Stuckrad-Barre für Menschen ab 35. Paris Bar, ich komme." Das war gar kein übles Gefühl. Ich glaube, Karasek nimmt das Leben von der richtigen Seite. Er hat ein bisschen was Hallodrihaftes, aber am späteren Abend auch eine gewisse Nachdenklichkeit, genau wie ich.