An einem kleinen Tisch in einer Charlottenburger Parterrewohnung voller Gardinen- und Sofastoffproben in schweren Folianten findet das Gespräch statt – mitten im Stoff. Sophie und Andreas von Seidlein sind, wie es sich in Berlin gehört, schon ein paar Mal umgezogen, seit sie von München in die große, poröse Stadt tief im Osten kamen, die ein paar Einrichtungsberater bitter nötig hatte. Das Ehepaar hat entscheidende Interieurs der neuen Berliner Republik gestaltet: das Kanzleramt samt Kanzlerwohnung; die Dahlemer Villa, in der erst Gerhard Schröder zur Miete wohnte und die nun der Wohnsitz des Bundespräsidenten ist; schließlich das brandenburgische Schloss Meseberg als neues Gästehaus der Bundesregierung. Sophie und Andreas von seidlein im neuen Büro des Altkanzlers Gerhard Schröder. Auf dem Schreibtisch: Ein »Großwörterbuch Englisch-Deutsch«, Werke der Russland-Kenner Orlando Figes und Dieter Cycon, ein Bildband des Malers Willi Sitte BILD

Der Tee ist serviert, es kann losgehen.

DIE ZEIT: Sie sind vor 14 Jahren von München ins arme Berlin gekommen. Wie ist die Bilanz?

Andreas von Seidlein: Es ist ein hartes Geschäft. Berlin ist anders als der Rest der Republik. Nicht kauffreudig, nicht stilbewusst. Keine Stadt, in der man sich über Wohnen definiert. Eher über das Auto, das Handy, vielleicht noch über Mode.

ZEIT: Können Sie hier existieren, oder denken Sie manchmal: Ab nach München?

Andreas von Seidlein: Auf keinen Fall. Wir wollen bleiben. Wir können hier existieren. Geld ist ja da in Berlin, daran liegt es nicht. Vielleicht sind wir nicht trendig genug. Wir springen halt nicht auf jeden Zug auf. Aber wir haben uns in der Stadt einen Namen als Einrichtungsberater aufgebaut.

ZEIT: Wer sind Ihre Kunden?

Andreas von Seidlein: Viele Rechtsanwälte. Ärzte. Wir sind auf Privatkunden ausgerichtet.

ZEIT: Zu Ihnen kommen also Leute, die sagen: Richten Sie mich ein. Ist das nicht, als sagte man: Schaffen Sie mir einen Charakter?

Sophie von Seidlein: Es hat viel von einem Arzt, einem Therapeuten. Ein Kunde ruft an und sagt: Ich fühle mich in meinem Schlafzimmer nicht wohl. Man muss im ersten Gespräch erspüren, was er braucht …

Andreas von Seidlein: …und merkt häufig, es liegt gar nicht am Schlafzimmer.

Sophie von Seidlein: Wenn das Innere eines Menschen sichtbar würde beim Einrichten, dann wäre viel erreicht. In Häusern in England oder Frankreich sieht man viel stärker den jeweiligen Charakter – das kann skurril sein, merkwürdig, ganz komische Mischungen. In Deutschland ist das viel versteckter, mehr nach der Mode, oberflächlicher.