Der Sozialismus!, rief der prophetische Greis. Nicht der stalinsche, sondern der richtige, den wir endlich erbauen wollen, ist nicht denkbar ohne Demokratie, die Herrschaft des Volkes. Freunde, Mitbürger! Üben wir sie aus, diese Macht!

So sprach Stefan Heym, am 4. November 1989, zum Jubel der Halbmillion Demonstranten auf dem Ostberliner Alexanderplatz. Fünf Tage später fiel die Mauer. Heym beschimpfte das gestrige Heldenvolk als eine Horde von Wütigen, die, Rücken an Bauch, in den Grabbeltischen westlicher Krämer wühlten. Bärbel Bohley nannte die Grenzöffnung einen Konsumputsch. Ihr Bündnis 90 verröchelte bei den Wahlen am 18. März 1990 bei 2,9 Prozent.

Dieses wichtige Buch untersucht die Geschichte der DDR-Opposition. Der Begriff ist strittig. Er umfasst Friedens-, Menschenrechts-, Öko-, Frauengruppen, die - oft unterm Dach der Kirche - ihren Dissens mit der Staatsmacht organisierten und zunehmend öffentlich formulierten. Eine konzertierte politische Bewegung zum Sturz der SED-Macht bildeten sie nicht.

Reinhard Schult, einer der Protagonisten: Es war ja mehr eine Szene als eine eigentliche Opposition.

Im Ostblock-Widerstand erscheint die DDR als Sonderfall. Während Dissidenten in Polen, Tschechien, Ungarn zur neoliberalen free market democracy strebten, träumten DDR-Nonkonformisten von der Erneuerung des Sozialismus und vom Heiland Gorbatschow. Schon gar nicht stand die deutsche Einheit zur Debatte, was Christof Geisel als Identifikation mit dem antifaschistischen Gründungsmythos der DDR deutet. Die ostdeutsche Opposition widerstand den Machthabern mit deren vorgeblichen Idealen. Hans Modrows Resümee von 1998: Unsere Partei, die sich die menschlichste aller Utopien auf die Fahne geschrieben hatte, setzte Kräfte frei, die dieses Leben für die Utopie dann auch einklagten. Gegen die SED! Freilich ohne Plan, wie nach Utopia zu kommen sei. Theorie- und Strategiedefizite waren offensichtlich. Es ging um Haltungen, ähnlich Václav Havels in der Wahrheit leben.

Ausführlich hat der Autor ehemalige Bürgerrechtler zu ihren damaligen Positionen befragt. Primär waren Frieden, Menschenrechte und Ökologie. Konsum und ökonomische Belange wurden gering geschätzt, im grandiosen Kontrast zum Materialismus ostdeutscher Volksgefühle. Bereits 1981 befand Timothy Garton Ash, bundesdeutsche Versandhauskataloge fügten dem SED-Staat mehr Schaden zu als alle eingeschmuggelten Werke von Bahro und Solschenizyn. Erst am Grabe der realen DDR hub dann das Ostalgie-Volk an, den Sozialismus zu beweinen.

Dies ist keine flotte Lektüre. Die Fußnoten türmen sich, Geisel lässt die Quellen sprudeln. Er schreibt uneitel und gerecht, gegen Geschichtsklitterei und nachholenden Antisozialismus à la Vera Lengsfeld. Der Mauerfall brachte die DDR-Revolution nicht an ihr Ziel - er war ihr Ende. Geisel bedauert, wie viele Exbürgerrechtler sich heute aufs Thema Stasi beschränken (lassen). Die retrospektive Dauertötung der DDR erübrigt selten Kräfte zur Kritik des Jetzt. Das Buch beginnt mit einer Verneigung vor dem Mut der wohl kaum mehr als 2500 Menschen umfassenden DDR-Opposition. Weitaus zahlreicher waren Wende-Widerständler wie der Fernseh-Conférencier Gunter Emmerlich, der ehedem das SED-Regime so raffiniert bekämpfte, dass es niemandem auffiel. Nach 1989 bemerkte er: Vierzig Jahre war ich dagegen, da will ich jetzt mal dafür sein.