Gerade ist er zu Titel und Ehren gekommen, doch das Happy End lässt weiter auf sich warten. Bei mir eingezogen ist er immer noch nicht. Das liegt zwar weder an mangelnder Zuneigung auf meiner noch an mangelnder Absicht auf seiner Seite, aber es wurmt doch ein bisschen. Mit dem Kleiber, dem Vogel des Jahres 2006, würde ich meinen Garten nämlich gern ganzjährig teilen, nicht nur zur Winterszeit. Er ist ein so rundum attraktiver Gast, apart anzusehen mit blaugrauer, nahezu stahlfarbener Oberseite und orangebraunen Flanken, und vor allem ist er ein begnadeter Athlet. Anders als die steiferen Spechte, die stets den Kopf oben behalten müssen, bleibt der kompakte, aber dennoch schnittige Kleiber allzeit ganz locker am Baum: Als einziger Vogel überhaupt kann er sogar kopfunter abwärts laufen. Dazu kommt beträchtliches Handwerksgeschick. Harte Futterbrocken, etwa Haselnüsse, klemmt er passgenau in Spalten, um sie aufzuhämmern. Was immer er auch unternimmt, der scharfe schwarze Streifen rund um die großen dunklen Augen verleiht ihm den Ausdruck von Entschlossenheit und Zielstrebigkeit. Der Kleiber, "Vogel des Jahres", liebt alte Bäume. Das tun allerdings auch die Meisen Illustration: Julia Guther für DIE ZEIT BILD

In jenen geruhsamen Zeiten, als die Vogelhaltung noch ein populäres Hobby war, galt das gut meisengroße Multitalent denn auch als gefragter Pflegling. Dabei war es nicht die Stimme, die zählte: Die Pfiffe des Kleibers sind derart durchdringend, dass sie im Frühlingswald weitaus mehr erfreuen als in geschlossenen Räumen. Der robuste Vogel wurde schnell zahm und bot freifliegend und -kletternd mehr Unterhaltungswert als heute das durchschnittliche Fernsehprogramm. Ein derart enges Zusammenleben von Mensch und Kleiber war allerdings nicht unproblematisch, denn biedermeierliche Wohnkultur und Lebensgewohnheiten der "Spechtmeise" ließen sich offenbar nicht immer reibungslos vereinbaren. "Sie hacken Löcher ins Holzwerk", resümiert ein Vogelbuch aus dem Jahre 1840.

Weit besser als einst im trauten Heim lebt Sitta europaea heute in lichten Buchen- und Eichenmischwäldern. Doch der Kleiber besiedelt gern auch andere, ebenso schützenswerte und oft bedrohte Biotope: Gärten mit altem Baumbestand. Dabei favorisiert er die knorrigen und höhlenreichen Obstbäume, die keiner Erwerbsanbau-Norm mehr entsprechen und meist bevorzugt entsorgt werden. In der sterilen Monotonie der Koniferen-Einheitsfront kann er ebenso wenig existieren wie die meisten anderen Lebewesen.

Bei mir hätte er es besser, und jedes Frühjahr, wenn wieder ein Paar die Nistkästen inspiziert, hoffe ich, ihnen endlich beim namensgebenden "Kleiben", beim Kleben also, zusehen zu können. Kleiber sind Höhlenbrüter mit gehobenen Ansprüchen. So legen sie selbst Schnabel an, verkleinern nicht nur zu große Einfluglöcher geschickt mit Lehm, sondern glätten damit auch Ecken und Kanten im Innern von Nistkästen. Hier wählen sie regelmäßig den großen Kasten am alten Apfelbaum. Ebenso regelmäßig jedoch droht das Ende aller Gärtner- und Kleiberhoffnungen – in Gestalt eines anderen Vogels. Der wiegt etwa zwanzig Gramm und trägt eine tief über die Augen gezogene schwarze Kappe sowie den Namen Parus major, vulgo: Kohlmeise. Sie erhebt ebenfalls Ansprüche auf den Nistplatz. Da auch Kleiber zu den sehr durchsetzungsfähigen Kleinvögeln gehören, fliegen bei den Kämpfen zwischen den 12-Zentimeter-Rivalen die Federn. Jahrelang gewannen die Meisen, doch letzten Frühling begannen erstmals die Kleiber, sich häuslich einzurichten. Bis der testosterongetriebene Meisenhahn zur finalen Attacke ansetzte. Die mündete in die brutalste Auseinandersetzung, die ich je zwischen so kleinen Vögeln gesehen habe. Am Ende fiel ein flatternder, schreiender, blau-gelb-orangefarbener Knäuel aus dem Baum, so ineinander verbissen, dass nicht einmal der Aufprall die Meise bewog, den Flügelbug des größeren Kontrahenten loszulassen. Der erwies sich als weniger hart im Nehmen und floh, den ingrimmigen Sieger noch einen Moment mitschleppend. Zurück blieben blassgelbe Meisendaunen, eine leicht fassungslose Gärtnerin – und die Erkenntnis, dass der Vogel des Jahres 2006 wohl nur geringe Chancen hat, in diesem Revier jemals zum Brutvogel zu werden.

Susanne Wiborg