Es gibt nie nur eine einzige Wirklichkeit. Inmitten der Welt der Zahlen und Fakten gibt es die Welt der Gedanken und der Vorstellungen, der Träume und der Fantasien, des Glaubens und der Mythen. Das Eigentümliche der Literatur besteht darin, dass sie alle diese Wirklichkeiten nebeneinander gelten lässt, gleichzeitig und gleichberechtigt. Deshalb haben es die Eliten eines Landes, sofern sie den Namen verdienten, nie versäumt, Literatur zu lesen. Sie war und ist ein notwendiges Mittel, menschliches Handeln und seine Folgen wie in einem Spiegel zu betrachten: im Spiegel jener Erzählungen, in denen die Menschheit von alters her ihre Erfahrungen, ihre Ahnungen und Sehnsüchte aufgehoben hat.

In der Literatur sehen wir, welche Macht diese anderen Wirklichkeiten haben. Die Macht böser Träume etwa, wie man sie bei Joseph Conrad, bei Poe oder Kafka finden kann und die nicht selten Wirklichkeit geworden sind – in den real existierenden Reichen des Wahns. Oder die Macht der Konvention, in die sich die schuldlos Schuldigen verstricken, wie bei Flaubert, Balzac oder Fontane. Schließlich die Macht der schönen Hoffnung, wie sie uns am eindringlichsten Hölderlin und (ganz anders) Eichendorff an den Himmel der Vorstellungskraft gemalt haben: Wer sich in diese Gefilde begibt, kann nicht mehr ganz blöde sein.

Der Begriff Bildung enthält die Idee des ganzen Menschen mit all seinen Fähigkeiten. Dazu gehört, zwischen schön und hässlich, zwischen gut und böse unterscheiden zu können; schließlich die Fähigkeit, ein verantwortliches Leben zu führen. Voraussetzung dafür ist Selbstkenntnis. Sich selber kann man nur kennen, wenn man annähernd weiß, wer man ist, und das wiederum heißt, dass es gelingen muss, "unser fliehendes Dasein an der unvergänglichen Kette der Überlieferung zu befestigen", wie unser Schiller trefflich bemerkt hat. Zentrales Medium dieser Überlieferung ist die Literatur. Der Schriftsteller Ludwig Harig hat einmal gesagt: Nur der erzählende Mensch ist ein Mensch, und nur der erzählte Mensch ist ein Mensch. Die Literatur ist die Geschichte des erzählenden und des erzählten Menschen.

"Erzähle mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes." Damit beginnt die Odyssee. Und das Hildebrandslied fängt so an: "Man hat mir erzählt." Kaum anders der Anfang des Nibelungenlieds: "In alten Geschichten wird uns Wunderbares erzählt." Oder Kleists Anekdote aus dem letzten preußischen Krieg: "In einem bei Jena gelegenen Dorfe erzählte mir der Gastwirt…"

Es gibt unendlich viele solcher Anfänge, die alle nur eines zeigen: dass die Literatur sich fortpflanzt von Bericht zu Bericht, dass jeder Erzähler sich auf einen anderen Erzähler beruft und selber ein Glied wird in der Kette der Überlieferung. Der Erzähler verkörpert, was Nabokovs Buch im Titel trägt: Erinnerung sprich!

Die Erinnerung: Sie spricht in den Werken der Weltliteratur. Sie ist nicht um Objektivität bemüht, sondern um subjektive Wahrheit. Sie würde uns nicht rühren, nicht quälen oder beflügeln, wenn sie nicht die zwingende, die überwältigende Form gefunden hätte: etwa in der vernichtend schönen Sprache eines Kleist oder Rilke, im berauschten Singen eines Walt Whitman oder Herman Melville, in der beherrschten Form eines Dante oder Petrarca.