Erst im vierten Lebensjahrzehnt, so liest man es bei Aristoteles, dem eigentlichen Begründer der politischen Wissenschaft, sei ein Mann in der Lage, Politik zu betreiben. Frauen kamen ihm gar nicht erst in den Sinn. Machtlos waren sie nicht, doch politische Macht? Das sollte noch zwei Jahrtausende dauern. Vor die Verlockungen der Praxis setzten die Griechen die Erziehung der jungen Männer zum vernünftigen Leben in der Gesellschaft. Deren kompakte Tugendordnung ist nachzulesen in Aristoteles’ kurzer Nikomachischen Ethik. Wer sie kennt, fällt nicht mehr herein auf so genannte "Werte"-Diskussionen von heute.

Politische Allgemeinbildung, deren einziges Ziel es ist, wohlinformiert teilzuhaben am täglichen Diskurs über den Zustand der Republik oder gar der ganzen Welt, wird sich im Lauf der Jahre für jeden Leser der "Qualitätszeitungen" (zum Beispiel der Neuen Zürcher Zeitung) einstellen. Die Lektüre von populären Geschichtsbüchern, von Biografien bedeutender oder schrecklicher Zeitgenossen wird als Rüstzeug reichen, um größere Dummheiten in Politik, Wirtschaft und Verbänden zu durchschauen.

Wer aber Politik als dauernden gesellschaftlichen Prozess versteht, in dem seit Jahrhunderten die vernünftige und gerechte Ordnung der Gesellschaft verhandelt wird, der kann und sollte sich den überlieferten Dokumenten dieser Ordnungssuche in Mythen, Religionen und Philosophie zuwenden: Vom Gilgamesch-Epos über Platons Politeia, von den jüdischen Propheten über die Historiker und Dichter Roms, von Augustins Civitas Dei über die Scholastiker, von Machiavelli bis zu Hobbes und Locke, von Vico über Hegel bis Marx, ganz zu schweigen von den außereuropäischen Religionsstiftern und Gelehrten Asiens – das ideengeschichtliche Lektüreprogramm zum Ziel einer "politischen Allgemeinbildung" reicht für sechs Semester, aber doch nicht für die Erklärung der Welt von heute.

Über die geistigen Ursprünge der ideologischen Entgleisungen des mörderischen 20. Jahrhunderts informieren immer noch am besten die Bücher von Karl Löwith und Jacob Taubes, von Eric Voegelin, Leszek Kolakowski und Hannah Arendt, von Karl Jaspers und – zumindest in seinen kulturkritischen Reflexionen – von Theodor W. Adorno.

Nicht die Globalisierung ist das Neue, auch nicht die demografische Entwicklung der Welt, noch nicht einmal die Klimaerwärmung oder die drohenden Pandemien – neu ist und bleibt die Möglichkeit des globalen nuklearen Selbstmords mit circa 28000 Atomsprengköpfen, die trotz ungezählter Abrüstungsgespräche als endzeitliche Bedrohung der Menschheit in den Depots der USA, Russlands, Großbritanniens, Frankreichs, Israels, Chinas, Indiens, Pakistans, Nordkoreas und demnächst wohl auch Irans liegen. Wer die realpolitischen Dimensionen zeitgenössischer Politik im Schatten der Atombombe verstehen will, ist gut beraten, die Erinnerungen und Reflexionen Henry Kissingers zu lesen. Und wer glaubt, die Verantwortung für die Waffen liege auf alle Fälle in den Händen wohlinformierter, rationaler Menschen, dem sind die Memoiren Robert McNamaras zu empfehlen. Als moralische Erholung von so viel Realpolitik empfiehlt sich dann allemal die Lektüre der Bücher Jonathan Schells zum aktuellen Stand der nicht mehr auszuschließenden Menschheitsvernichtung.

Und das "Dritte Reich"? Die Fakten sind bekannt. Die Bücher füllen ganze Bibliotheken. Aber alles vorausgesagt hat Karl Kraus in seinem Buch Dritte Walpurgisnacht.