Nur die halbe Wahrheit zu sagen, nennt man Diplomatie. Ein strapaziertes Zitat, das mag sein. Gemünzt auf die in der Bundesrepublik angewandte und jahrzehntelang geduldete Praktik des Auswärtigen Amts, Mitarbeitern mit NS-Vergangenheit eine zweite Chance zu geben, klingt es geradezu milde. Partei- und SS-Mitgliedschaften oder gar begangene Kriegsverbrechen wurden – mit der internen Rechtfertigung, man brauche ein funktionstüchtiges, verlässlich antikommunistisches Amt, und zwar sofort – unter den Tisch gekehrt, in der Hoffnung, die vermeintlichen Jugendsünden oder Zwangslagen würden zur Unkenntlichkeit verstauben. Anfang der fünfziger Jahre waren zwei Drittel der höheren Beamten im Auswärtigen Dienst, so heißt es, ehemalige NSDAP-Mitglieder, deutlich mehr als in jedem anderen Ministerium. Wie viele von ihnen sich darüber hinaus der SS oder SA verpflichtet hatten, ist ein sorgsam gehütetes Aktengeheimnis. Das Bundesarchiv verfügt angeblich kaum über Unterlagen. BILD

Nun soll die Rolle des Amtes zwischen 1933 und 1945 zwar endlich aufgearbeitet werden, eilig hat man es nach sechzig Jahren des Wegschauens und Schweigens aber offenbar nicht.

Fast ein Jahr ist vergangen, seit der damalige Außenminister Joschka Fischer eine Historikerkommission ankündigte, die vor allem die personelle Kontinuität nach 1945 und den internen und externen Umgang des Ministeriums mit der eigenen Vergangenheit erforschen soll. Fischer ging es dabei um eine Rechtfertigung seines Nachruf-Erlasses, der ehemaligen NSDAP-Mitgliedern des Hauses ein "ehrendes Andenken" grundsätzlich verwehren sollte und den ersten und bisher einzigen öffentlichen Aufstand pensionierter Diplomaten in der Geschichte des Auswärtigen Amtes heraufbeschwor.

128 von ihnen, darunter der zeitweilige ZDF-Intendant Karl-Günther von Hase und der als Sachbuchautor bekannte Erwin Wickert, meinten, sich Anfang Februar 2005 als strikte Gegner von Fischers "Pauschalverurteilung" bekennen und für das ihrer Meinung nach erste Opfer des Fischer-Erlasses, Franz Krapf, stark machen zu müssen. Mit einer großformatigen Todesanzeige in der Frankfurter Allgemeinen bekundeten sie dem 93-jährig verstorbenen ehemaligen Botschafter in Tokyo und Ständigen Vertreter der Bundesrepublik beim Nato-Rat in Brüssel noch über das Grab hinaus ihre Solidarität. Dies, so bescheinigten sich die Beamten selbst, sei ein "notwendiger Akt der Zivilcourage". Dass Krapf nicht nur NSDAP-Mitglied, sondern seit Mai 1933 auch der Schutzstaffel angehörte und im Februar 1938 zum SS-Untersturmführer im SD-Hauptamt befördert worden war, übergingen sie, bereit zur halben Wahrheit. Stattdessen klagten sie Fischers "unsensible Grundsätzlichkeit" an, mit der er "das Auswärtige Amt gespaltet habe", und lancierten zahlreiche Leserbriefe, in denen sie die Parteimitgliedschaften ehemaliger Kollegen bagatellisierten. Und sie räsonierten laut darüber, ob das Geld für die geplante Historikerkommission nicht anderswo besser angelegt sei.

In der "Fledermaus" brilliert sie an der Seite Richard Taubers

Im Juli 2005 wurde diese Kommission aus den Deutschen Eckart Conze, Norbert Frei und Klaus Hildebrand, dem Amerikaner Henry A. Turner (Yale) und dem in Jerusalem lehrenden Moshe Zimmermann schließlich offiziell eingesetzt, im September traf sie zu einem ersten Fachkolloquium zusammen. Und jetzt wartet sie darauf, ihre Arbeit aufnehmen zu können. Außenminister Frank-Walter Steinmeier, so bestätigt das Amt ausdrücklich, stehe voll und ganz hinter der Untersuchung; das Budget allerdings, so erfährt man von einem Kommissionsmitglied, muss erst noch bewilligt werden.

Losgetreten wurde die bizarre Affäre durch den hymnischen Nachruf auf den ehemaligen Generalkonsul in Barcelona, Franz Nüßlein. Der Text erschien im Frühjahr 2003 in der Hauszeitschrift intern AA und war ein so krasser Fall von Geschichtsklitterung, dass die pensionierte Übersetz erin Marga Henseler auf die Barrikaden ging. Sie arbeitete zwanzig Jahre für das Auswärtige Amt und wusste über Nüßlein Bescheid.