The Buck Starts Here" , hat jemand auf ein Schild gemalt und dieses auf die gewaltige Druckerpresse gestellt. Der Buck, wie sie in Amerika umgangssprachlich den Dollar nennen, entsteht in den schwer geschützten Betongewölben des U. S. Bureau of Engraving and Printing. In Sichtweite des Capitols und des Weißen Hauses, arbeiten Drucker und Maschineningenieure in Overalls und Muskelshirts. Es rumpelt, es riecht nach Druckfarbe, an einigen Stellen des Fußbodens haben sich grüne Farbpfützen gebildet. Fertige Greenbacks, wie der Dollar wegen der grünen Farbe auch genannt wird, sind in der Ecke auf Holzpaletten gestapelt. Dieses Mal sind es Hunderter. BILD

669 Millionen solcher Hundert-Dollar-Noten hat das Bureau of Engraving im vergangenen Jahr gedruckt. Und es werden von Jahr zu Jahr mehr. Denn die Wirtschaft der Vereinigten Staaten wächst und wächst. Nur zwei kleine Rezessionen hat das Land in den vergangenen 18 Jahren erlebt. 18 Jahre, in denen immer derselbe Mann am wichtigsten Kontrollpunkt der Wirtschaft saß. Alan Greenspan war der umstrittenste und verehrteste Notenbankchef, den Amerika je hatte. Solange Alan Greenspan über das Wohl der amerikanischen Wirtschaft wachte, war das Vertrauen fast grenzenlos. Sie nannten ihn Maestro, Mister Dollar, Master of the Universe. Unter Greenspan konsumierte Amerika, was das Zeug hielt, kaufte Häuser, Autos, belastete Kreditkarten bis zum Limit. Wider die Vorhersagen blieb die amerikanische Wirtschaft in Schwung und hielt den Rest der Weltkonjunktur über Wasser. In Greenspan We Trust, fasste das Magazin Fortune einmal die Stimmung zusammen.

Am nächsten Dienstag endet die Ära Greenspan. Auf seiner letzten Sitzung wird der 79-Jährige noch einmal die Zinsen erhöhen. Es wird seine neunundneunzigste Zinsänderung seit dem Amtsantritt im August 1987 sein. Dabei steht das endgültige Urteil über Alan Greenspan längst noch nicht fest. Wie kein zweiter galt er als ein intimer Kenner des Kapitalismus, des Zusammenspiels von Psychologie und Fakten, von Finanzmärkten und Realwirtschaft. 18 Jahre lang hat er vorgeführt, dass man Krisen beherrschen kann, dass nicht jeder Boom in eine schmerzhafte Rezession münden muss, die viele Menschen arbeitslos und arm macht. Wie ein Fels in der Brandung hat Greenspan an seiner Politik festgehalten, manchmal gegen die ganze Wissenschaft und alle seine Kollegen im Board der US-Notenbank Fed. Aber erst in zwei, drei oder fünf Jahren wird sich zeigen, ob die große Wette seiner Amtszeit aufgeht – Greenspans gewagtes Pokerspiel, das Amerika und die Welt vor einer Wiederholung der Großen Depression aus den dreißiger Jahren bewahren sollte.

Wird er als "größter Zentralbankier, der je gelebt hat", in die Geschichte eingehen, wie es der führende Geldtheoretiker Alan Blinder von der Universität Princeton kürzlich schrieb? Oder wird er als der König der spekulativen Blasen in Erinnerung bleiben, als der Mann, der die Weltwirtschaft in eine große neue Krise führte, wie seine Kritiker unken?

Seine Amtszeit begann 1987 – kurz vor dem Schwarzen Montag

Alan Greenspan weiß genau, dass Finanzmärkte ohne Warnung zusammenbrechen können, dass Türme von Aktien, Anleihepapieren und Geldscheinen von einem Moment auf den nächsten einen Großteil ihres Wertes verlieren können. Als die Finanzmärkte am 19. Oktober 1987 den heute berüchtigten Schwarzen Montag erlebten, war Greenspan als Notenbankchef in Washington noch ein Neuling. Es wurde seine Feuertaufe. Alle schauten sie damals skeptisch auf ihn: Er hatte keine Erfahrung im Bankwesen gesammelt, keine wegweisenden akademischen Schriften zur Geldtheorie verfasst. Greenspan war ein Prognostiker gewesen, aber kein besonders treffsicherer. Ein enger Berater der konservativen Präsidenten Nixon, Ford und Reagan, das war er gewesen.

Doch als nun plötzlich ohne Vorwarnung der amerikanische Aktienmarkt den größten Tagesverlust aller Zeiten einstecken musste, als Händler über das Ende der Welt jammerten und Faustkämpfe auf dem Parkett ausbrachen, zeigte Greenspan die richtigen Reflexe. Um einen nachhaltigen Crash wie im Jahr 1929 zu vermeiden, versprach er der nervösen Finanzwelt nicht nur billiges Geld, um Brokerfirmen und Unternehmen durch Kredite am Leben zu halten. Er drängte auch persönlich Bankiers in aller Welt, diese Kredite wirklich zu gewähren. Die Aktienpreise stabilisierten sich binnen weniger Wochen, das wichtigste Börsenbarometer, der Dow-Jones-Index, beendete das Jahr im Plus. Von Greenspan wurde nun erzählt, wie er während der Krise fast geisterhaft ruhig geblieben sei und dass er in der Nacht nach dem Crash gesunde fünf Stunden geschlafen habe. "Ich glaube nicht, dass Alan jemals nervös wird", sagte James Baker, einstmals Finanzminister der USA.