Guben

Der Plastinator ist in der Stadt. Gunter von Hagens steht in der Gubener Sporthalle auf einem Podest, wie üblich mit Hut und Lederweste. Er posiert im Blitzlicht der lokalen Presse. Neben ihm ein Gorilla, plastiniert und drapiert, zuvor ertrunken im Hannoveraner Zoo. Mehrere hundert Gubener sind gekommen, schließlich geht es um Arbeitsplätze, 200 oder sogar mehr, die von Hagens in Aussicht gestellt hat. Wohlwollend nickend, sitzen die Stadtobersten in den ersten Reihen. Für sie ist diese Bürgerversammlung der wichtigste Schritt in die richtige Richtung. Die Arbeitslosigkeit in der Stadt liegt über zwanzig Prozent, riesige Industriebrachen verfallen mitten in Guben. Und ausgerechnet der umstrittene Plastinator scheint nun angetreten, um all dies zu ändern.

Seinen ersten Auftritt in Guben hat der Superanatom, wie sich von Hagens selbst nennt, Anfang November 2005, als er in die Stadt kommt, um - völlig unverbindlich - das Areal der Gubener Wolle zu besichtigen. Einst Zeichen des Wohlstandes der Textilstadt, ragen heute die nackten Türme der Fabrik in den Himmel. Von Hagens Vision: Hier oder im nahe gelegenen alten Rathaus soll eine Werkstatt zur Herstellung tierischer und menschlicher Körperscheiben für die Anatomie entstehen. Das Areal an der Neiße gefällt ihm, auch das Entgegenkommen von Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner (FDP), war von Hagens doch zuvor mit seinen Ansiedlungsplänen im polnischen Sieniawa Zarska gescheitert. Von 200 Mitarbeitern binnen fünf Jahren ist die Rede, gern auch ungelernt. Und so ist sich das Duo Hübner/Hagens schnell einig.

Doch als die Pläne Ende November bekannt werden, formiert sich Widerstand.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Bischof Huber, warnt in einem Interview davor, von Hagens in Guben Menschen aufschlitzen zu lassen. Die alte Diskussion um Kommerzialisierung, Leichenschändung und die Würde des Menschen bricht nun wieder auf. Dagegen steht immer das gleiche schlagkräftige Argument: zwanzig Prozent Arbeitslose, keine anderen finanzkräftigen Interessenten seit der Wende. Was gibt es da noch zu überlegen?

Pfarrer Michael Domke, Mitinitiator des Aktionskomitees gegen die Ansiedlung, ist auch auf der Bürgerversammlung. Er will verhindern, dass Guben als Leichenstadt in die Geschichte eingeht. Doch der Anatom macht es ihm schwer. Statt der Plakate vom BSV Guben Nord und der Sportlerklause haben von Hagens Helfer die Wände mit großformatigen Anatomiezeichnungen aus der Renaissance verhängt - wer in die Halle kommt, erhält den dicken bunten Körperwelten2-Katalog samt passender CD - gratis, versteht sich. Zahlreiche Aktenordner dokumentieren die große Bereitschaft zur Körperspende, über die man sich anschließend an einem Infotisch kundig machen kann.

Währenddessen hält von Hagens seinen holprigen PowerPoint-Vortrag, in dem es um alles geht, nur nicht um die konkreten Pläne für Guben. Er spricht von ungerechtfertigter Medienschelte, von wahrer Aufklärung und gelebter Demokratie, die sich darin zeige, dass endlich alle das Recht auf Plastinatbesichtigung und Körperspende hätten. An besonders wichtigen Stellen des Vortrags fuchtelt er mit einer Scheibe plastinierter Mensch. Verwirrte Blicke unter den Zuhörern, als er von Guben als der Stadt spricht, in der der erste wasserdichte Filzhut erfunden wurde. Frenetischer Applaus, als er in der Fragerunde seine Entscheidung für Guben mit seiner ostdeutschen Herkunft begründet. Pfarrer Domkes Wortmeldung findet hingegen kaum Gehör, stattdessen erntet er für seine Einwände Buh-Rufe.