Gegen zwölf Uhr mittags verebbt der Schultag an der Martin-Luther-King-Schule in Düsseldorf-Gerresheim wie ein abziehendes Gewitter. Im Gymnastikraum, der hier "Psychomotorikraum" heißt, pflückt Lehrerin Sonja (Name geändert) noch schnell einen widerspenstigen Nachzügler aus der Kletterwand, weicht einem Gymnastikballgeschoss aus und überredet einen jugendlichen Akrobaten auf der Fensterbank mit goldenen Worten zum Abbruch seiner Vorstellung. Endlich ist der Saal geräumt; die blau gestrichene Stahltür wird hinter dem letzten abrückenden Schüler verschlossen.

Heute sind die Lehrer dran mit Lernen. Sie haben Rudi Rhode angeheuert. Er soll ihnen beibringen, wie man mittels Körpersprache – also mit Gesten, Blicken, Bewegungen – Konflikte auf dem Schulhof und im Klassenzimmer vermeiden oder entschärfen kann. Qua Ausbildung aufs Texten getrimmt, haben die Lehrer damit Schwierigkeiten, während ihre Schüler die nonverbale Kommunikation weitaus besser beherrschen als die Kunst des Argumentierens. Vor allem hier, denn die Martin-Luther-King-Schule ist eine E-Schule, Amtsdeutsch für "Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung" – vulgo: Sonderschule.

Das Sagen auf dem Schulhof und in der Klasse hat hier nicht derjenige mit der ausgefeiltesten Satzkonstruktion, sondern jener, der – wie Rhode es formuliert – seinen hohen Status durch die Inszenierung fossiler Männlichkeit kundtut. Der Sozialpädagoge und Verhaltenstrainer hat früher einmal als Schauspieler gearbeitet und spielt nun vor, wie dieses Imponiergehabe aussieht: raumgreifend hingelümmelt in die Schulbank, die Arme locker vor der Brust verschränkt, die Beine weit gespreizt ("Das für Primaten typische Peniszeigen als Macht- oder Potenzdemonstration"), oder aber in Angriffshaltung, breitbeinig, Hände in die Hüften gestützt, Kopf und Kinn vorgereckt, der ganze Kerl aufgeblasen zur Abschreckung des Gegners.

Die Kursteilnehmer, 14 Lehrerinnen und zwei Lehrer, kennen die Gesten nur zu gut. An ihrer Schule gibt es etwa 150 Schüler, nur 15 davon sind Mädchen. Die erste Lektion des Nachmittags lautet: Wer männlichen Geschlechts ist, obendrein groß, mit tiefer, sonorer Stimme ausgestattet, wird erst mal respektiert; unabhängig von seinem tatsächlichen Status, wird ihm ein hoher sozialer Rang zugeschrieben. Das Gegenmodell dazu ist weiblich: raumreduzierte, anmutige Körperhaltung mit eng am Körper gehaltenen Extremitäten, mit leiser, freundlicher Stimme, häufigem Lächeln, mit leicht geneigtem Kopf, schräg aufwärts blickend ("wie einst Lady Di"), Opferhaltung und damit sozialen Tiefstatus signalisierend. Die Botschaft: "Ich bin schwach, tu mir nichts, beschütze mich."

Von Rhode vorgespielt, sieht das lustig aus, trotzdem finden einige Teilnehmerinnen es gar nicht komisch. "Das ist unfair", ereifert sich Carla und wirft ihrem Kollegen Paul einen scharfen Blick zu, einem 1,90-Meter-Mann mit fossiler Ausstrahlung. Der macht sich sofort kleiner – und demonstriert damit einen geheimnisvollen Zusammenhang. Körperhaltung und Gefühl bedingen sich gegenseitig. "Wer sich klein fühlt, macht sich auch körperlich klein", sagt Rhode. Das Prinzip wirke auch umgekehrt. Wer sich äußerlich in sich zusammenziehe, fühle sich auch innerlich gleich viel weniger großartig. Für die schulalltägliche Konfliktbewältigung heißt das: sicher und aufrecht in den Konflikt hineingehen, auch wenn man sich selbst noch gar nicht sicher ist, wie er enden wird.

Schön gesagt, aber wie funktioniert das? Trainer Rhode, der eigentlich nicht zum Dozieren neigt, wird kurz theoretisch und zitiert schon mal aus seinem Buch Wenn Nervensägen an unseren Nerven sägen, das im Februar herauskommt. Grundsätzlich gehe es bei jedem Regelverstoß erst einmal nur darum, den eigenen Vorteil durchzusetzen. Bei dem daraus entstehenden Konflikt greifen Menschen alternativ auf zwei Verhaltensmuster zurück. Das "weibliche" setzt auf die Opfer- und Mitleidsrolle; das "fossil männliche" auf Einschüchterung. Voraussetzung für die elegante Konfliktbewältigung wäre dann: erstens erkennen, welches Muster der Kontrahent gewählt hat, und zweitens, selbst auf keinen Fall in eines dieser Muster verfallen, sondern unter allen Umständen eine neutrale Position wahren. Wer aus der Rolle fällt, sich ins Bockshorn jagen lässt oder seinerseits ausrastet, ist der Unterlegene. Ja, aber was stattdessen tun? "Präsent sein. Einen festen Standpunkt einnehmen und beharrlich bleiben", rät Rhode. "Je stärker wir ausstrahlen, dass wir den Konflikt problemlos stundenlang durchstehen könnten, desto kürzer wird die Zeit des Widerstands unseres Kontrahenten sein." Das könne man üben, behauptet er.

Im Rollenspiel gibt Rhode einen Lümmel, der regelwidrig eine leere Coladose auf dem Schulhof wegwirft. Angela spielt sich selbst: eine Lehrerin, die den Übeltäter dazu bringen soll, die Dose in den Mülleimer zu werfen. Angela: "Rudi, hebe bitte die Dose auf." Rudi: "Wieso? Die hab ich nicht weggeworfen." (Schickt sich an, den Schauplatz zu verlassen.) Angela (stellt sich ihm in den Weg): "Ich habe es genau gesehen. Hebe jetzt bitte die Dose auf." Rudi: "Nö, ich kann jetzt nicht. Der Unterricht fängt an." (Versucht sich an ihr vorbeizuschlängeln.) Angela: "So viel Zeit hast du noch." (Hält ihn am Ärmel fest.) Rudi rastet aus: "Nehmen Sie auf der Stelle die Hände weg. Sie dürfen mich nicht anfassen! Das ist verboten!" Angela gerät ebenfalls in Rage: "Erzähl du mir gerade, was hier verboten ist!"