Manche Dinge kann Bayerns Justizministerin in einem Satz erklären. Zum Beispiel, warum die deutsche Rechtswissenschaft und die europäische Studienreform nicht zusammenpassen. "Das Ohmsche Gesetz gilt überall, das Bürgerliche Gesetzbuch nur in Deutschland." Wenn Beate Merk dagegen über die Vorzüge des juristischen Staatsexamens spricht, braucht sie mehr als einen Satz. Dann gerät sie ins Schwärmen. Die deutsche Juristenausbildung nehme international eine Spitzenposition ein, deutsche Rechtswissenschaftler seien weltweit begehrt. "Warum sollten wir das alles aufs Spiel setzen?" BILD

Das Bologna-Abkommen, eine Vereinbarung von mittlerweile 40 Staaten, sieht vor, dass bis 2010 ganz Europa sein Hochschulsystem auf die gestuften Abschlüsse Bachelor und Master umstellt. Auch Deutschland. Auch die Staatsexamensfächer. Studenten sollen in Zukunft europaweit und ohne Hürden die Hochschule wechseln können, in Studienprogramme, deren Inhalt vergleichbar ist. Doch während die meisten Fakultäten nach anfänglichem Grummeln mittlerweile fleißig an der Neustrukturierung ihrer Studiengänge werkeln, verlegen sich die Mediziner, Juris-ten und Pädagogen aufs Bremsen und wehren sich vehement gegen das Jahrhundert-Projekt. Dabei gelten gerade die Staatsexamensfächer als reformbedürftig, denn entgegen Merks zur Schau getragenem Stolz leiden sie unter einem Konstruktionsfehler: Die wenigsten Jura-Absolventen werden Richter und gerade die Hälfte der Medizinstudenten Ärzte, doch die theorielastigen Curricula kennen nur den Einheitsjuristen und den Standardmediziner. Eine arg verzerrte Wahrnehmung der heutigen Berufswelt. Dennoch wollen Juristen und Mediziner den deutschesten aller Hochschulabschlüsse um jeden Preis verteidigen.

Sie pochen auf ihre vermeintliche Einzigartigkeit, die eine Unterwerfung unter europäische Normen unmöglich mache. Den Juristen ist dabei ein besonderer Coup gelungen. Laut Koalitionsvertrag werden sie von der Umstellung ausgenommen, da in ihrem Fach für Bachelor und Master "kein Bedarf" bestehe. Justizministerin Merk und ihre Länderkollegen haben den Passus gegen den Widerstand der Kultusminister durchgesetzt. Deren Befürchtung: Mit jeder Ausnahmeregelung könnte die Bologna-Begeisterung anderer Fächer nachlassen, am Ende wäre das Gesamtprojekt gefährdet – und damit alle Vorteile, die es bringen soll, von der Verkürzung der derzeit viel zu langen Studiendauer bis hin zu niedrigeren Abbrecherquoten. Die Juristen-Sondernummer ist deshalb so bedenklich, weil die vier Staatsexamensfächer Jura, Medizin, Pharmazie und Lehramt für 40 Prozent der deutschen Hochschulabsolventen verantwortlich sind. Doch derlei Sorgen interessieren Merk und ihre Justizministerkollegen kaum.

Der Bologna-Prozess sei nur ein Vorschlag, sagen die Kritiker

Eine Abschaffung des einheitlichen Staatsexamens zugunsten dezentral geprüfter Bachelor- und Masterabschlüsse komme nicht infrage, sagt die Ministerin, und sie wäre nicht Juristin, hätte sie nicht die rechtliche Dimension von Bologna überprüft: "Das ist ein Vorschlag und keinesfalls bindend." Eine Sichtweise, der sich die Mediziner dankbar anschließen. "Wir haben gerade erst das Medizinstudium neu konzipiert", sagt Karl Max Einhäupl, Professor für Neurologie und Vorsitzender des einflussreichen Wissenschaftsrates. "Endlich haben wir dafür gesorgt, dass unsere Studenten von Anfang an Theorie und Praxis parallel lernen." Im Jahr 2000 hatte der Wissenschaftsrat Bund und Ländern empfohlen, die Staatsexamensfächer von der Umstellung der staatlichen Abschlüsse auszunehmen. 2002 änderte zwar der Rat seine Sichtweise und befürwortete den Umbau zumindest bei den Juristen und Lehrern. Die Mediziner aber nimmt er bis heute aus. Er könne sich derzeit keinen Beruf vorstellen, zu dem ein Medizin-Bachelor befähigen könne, sagt Einhäupl.

Das Argument ist immer das gleiche: Der Bachelor, behaupten die Verteidiger des Staatsexamens von Jura bis ins Lehramt, qualifiziere nicht für einen Beruf. Für Jürgen Kohler, den Vorsitzenden des Akkreditierungsrates, ist diese Sichtweise allerdings wenig mehr als ein Beharren auf überkommenen Berufsbildern. "Sicherlich kann man einen Neurochirurgen nicht in drei Jahren ausbilden. Aber das Drittel der Mediziner, die etwa in die Forschung gehen oder zu Versicherungen, wäre dankbar für eine differenzierte Ausbildung." Stattdessen genießt das gefürchtete medizinische Staatsexamen, besser bekannt als "Hammerexamen", weiter Artenschutz.

Die Juristen haben ihren Koalitionsvertrag, die Mediziner den Beschluss des Wissenschaftsrates. Beide Fächer sind zudem in eigenständigen Fakultäten organisiert: Bastionen, gegen die die Kultusministerkonferenz (KMK) bislang vergeblich anrennt. "Natürlich hat diese Abwehrhaltung Signalcharakter für alle, die dem Bologna-Prozess kritisch gegenüberstehen", sagt KMK-Generalsekretär Erich Thies. Ebenfalls Signalcharakter hat daher der Eifer, mit dem sich die Kultusminister nach anfänglichem Zögern dem Umbau der Lehrerbildung widmen, denn da haben sie die Macht. Einzelne Länder haben ihre Lehrerbildung schon komplett auf gestufte Abschlüsse umgestellt. Doch mehr Ärger droht. So plant Berlin die Einstellung von Bachelorabsolventen als Lehrerassistenten, die dem voll ausgebildeten Lehrer zur Hand gehen sollen. Die Gewerkschaften laufen Sturm. Und Bayern will zwar einen Lehramts-Bachelor einführen, gleichzeitig soll aber gelten: Wer Lehrer werden will, muss weiter das Staatsexamen absolvieren.