Als Zeitzeugin ist Carola Stern oft befragt worden, als Zeitopfer aber wurde sie selten wahrgenommen. Sie gab Auskunft über ihren "bescheuerten" Glauben an den Führer, berichtete vom Auftrag eines amerikanischen Agenten, in der DDR Karriere zu machen, und erzählte von ihren Erfahrungen als Lehrerin an der Parteihochschule der SED. Lauter Irrtümer, ist das allgemeine Urteil, ein bisschen bedenklich, aber verzeihlich, weil sie ihre Fehler einsah, eingestand und als streitbare Demokratin wiedergutgemacht hat. Doch für viele blieb sie eine schillernde Figur.

Wer ihre Erinnerungen liest, wird in die Naziwelt eines pommerschen Ostseedorfes versetzt, da war niemand unter den Kleinbürgern, der ihr andere Maßstäbe gab. Sie konnte nichts anderes werden als eine kleine Nazisse. Wer ihr Leben weiterverfolgt, findet eine verwirrte junge Frau in den verwirrenden Verhältnissen der ersten Nachkriegsjahre, die vielerlei Verführungen bereithalten. Ein amerikanischer Geheimdienstoffizier überzeugt sie weniger politisch als durch fürsorgliche Hilfe für ihre krebskranke Mutter, die er von Usedom in ein West-Berliner Krankenhaus bringen lässt. Die Tochter "zahlt", indem sie in die SED eintritt, sich dann zur Parteihochschule der SED delegieren lässt und dort zur Dozentin aufsteigt. Halb ist sie beeindruckt von dem, was sie da hört und dann selbst lehrt, halb bleibt sie auf Distanz und flieht nach West-Berlin, als Enttarnung droht.

"Der Alte verliert eins der größten Menschenrechte", sagte Goethe, "er wird nicht mehr von seines Gleichen beurtheilt." Es sind meist die Jüngeren, die moralisieren, wenn sie Nazi, Kommunisten und Geheimdienst hören. Sie sind aufgewachsen in einer heilen demokratischen Welt, in der immer klar war, was man darf und was zu meiden ist. Sie können sich Zeiten nicht vorstellen, in denen keine Gewissheiten herrschen und die Menschen suchen, schwanken und falschen Propheten anheim fallen.

Es waren nicht die kleinsten Geister, die nach 1917 Kommunisten wurden, ihre Reihe ist lang. Nach 1945 trat mancher aus dem gleichen Grund in die SED ein, aus dem im Westen mancher zur CDU oder SPD ging, er wollte verhindern, dass sich etwas wie Hitler wiederholt. Und was den amerikanischen Geheimdienst angeht, ist zu erinnern, dass dies im Kalten Krieg die "richtige" Seite war, der wir im Westen die Demokratie verdanken. Carola Stern hat nicht für die Stasi gearbeitet, aber die Reaktion auf ihre Offenbarung war, als hätte sie es getan. Sie hat ihre braune, rote und geheime Vergangenheit mehr bedauert als nötig. Sie verdient nicht joviales Verzeihen, sondern Respekt für die Kraft, mit der sie sich aus den Irrungen und Verstrickungen hervorgearbeitet hat. Ein starker Ehrgeiz war dabei, ein unbändiger Drang, aus der Enge ihrer Herkunft heraus- und auf der Leiter öffentlichen Ansehens hochzukommen.

Sie machte Karriere, war aber keine Karrieristin, das ist das Entscheidende. Sie wurde bekannt und geachtet, weil sie den Erfolg nicht um seiner selbst willen suchte, sondern nur auf Wegen zu Zielen, die ihr am Herzen lagen: Befreiung politischer Gefangener, Entschädigung von Zwangsarbeitern, überhaupt Menschenrechte, auch Frauenrechte (ohne Feminismus), Erinnerung an unsere jüngste Geschichte, Willy Brandts Ostpolitik.