Funfzig Jahre früher, da hätten Sie kommen sollen." – ließ anno 1772 Carl Philipp Emanuel Bach, Musikdirektor der fünf Hauptkirchen in Hamburg, seinen Gast Charles Burney wissen, einen komponierenden englischen Musikwissenschaftler, der halb Europa bereiste und darüber Tagebuch führte. Er meinte auf gut Deutsch: Heute ist hier nicht mehr allzu viel los. Carl Philipp Emanuel sah die aktuelle Situation durch die Brille eines Avantgardisten des Zeitalters der "Empfindsamkeit". So nur konnte es geschehen, dass er dem Gast nicht die Hamburger Werkstatt von Hieronymus Albrecht Hass und Sohn Johann Adolph zeigte, den seinerzeit berühmtesten Erbauern klassischer Cembali. Dort entstand 1734 ein Instrument, das heute im Brüssel steht und von dem Andreas Staier sich eine klanglich-exakte Kopie anfertigen ließ, ein wirklich "extravagantes" Exemplar. Auf Staiers neuer CD hört man es – mit äußerster Faszination – zum ersten Mal. BILD

Der Cembalist spielt Musik, die "funfzig Jahre früher" entstand, aber das Wesentliche jener Zeit "in sich" hat, dank hanseatischer Tradition: Alle hier versammelten Komponisten schrieben Cembalomusik, die zum einen die Ansprüche an die Virtuosität immer höher steigerte, zum anderen die bevorzugten Strukturen norddeutschen Orgelspiels – auf und mit verschiedenen "Werken", will sagen: Klangregistern – auf das Tasteninstrument der gezupften Saiten übertrug. Das ist die Musik, aus der Andreas Staier Feuer schlägt.

Händels Chaconne aus der Suite HWV 435 zum Beispiel: regelrecht "unschuldig" vorgestellt das Thema, wie auf dem Manual eines Rückpositivs – aber schon in der Wiederholung wächst es sich aus ins Prinzipal-Hauptwerk. Die ersten Variationen bleiben in diesem "Prospekt", aber immer gibt es in den Wiederholungen kleine Kontraste: in den auf zwei Manualen gespielten Wechseln zwischen Harmonie-Akkorden und Variations-Figuren; in den stark kontrastiert präsentierten hoch virtuosen Läufen, mal in der linken, mal in der rechten Hand. Dann ganz verträumt ein achtteiliger Moll-Block, mit kleinsten Verzögerungen in klangsprachlicher Intensität. Schließlich noch einmal die Entfaltung der Brillanz, von Variation zu Variation sich steigernd.

Oder umgekehrt die fast meditativ "für sich selber" musizierte Pavana Lachrymae von Heinrich Scheidemann, dem Nestor dieser norddeutschen Komponisten-Dynastie – fast singbares Instrumentalspiel ist da zu hören, von Staier vorgeführt mit einer versonnenen Lust am Herausheben kleiner Zwischenstimmen, an den Kontrasten polyphoner Strukturen ohne jedes Aufplustern.

Am Schluss der Anthologie dann die totale Verblüffung: eine Entrée – für Andreas aus unseren Tagen vom französischen Komponisten Brice Pauset; eine höllisch andersartig gestrickte Fantasie für volle Hände, ganze Arme, extreme Lagen; schrille Cluster und spitz Dazwischengeworfenes. Und in allem klingt doch die Geschichte durch in Gestalt der zuvor gehörten Themen, Motive, Klänge. Aufgeregter und aufregender kann ein Cembalo auch in den kommenden funfzig Jahren kaum klingen.