Welchen Satz erhoffen Sie sich in Ihrer Grabrede? Er hatte ein gutes Herz. Friedbert Pflüger, 1995

Berlin

Wenn man Friedbert Pflüger verstehen will, die großen Hoffnungen, zu denen er schon früh Anlass gab, genauso wie den Spott, ja die Häme, mit der hinter vorgehaltener Hand heute viele über ihn sprechen, dann muss man hier beginnen: im Arbeitszimmer von Richard von Weizsäcker. Hoch aufgereckt sitzt der 85-Jährige in seinem Stuhl, die Haare schlohweiß, die Augen lebendig, und die Lampenschirme links und rechts von seinem Haupt sorgen mit ihrem Schimmer für einen durchaus angemessenen Heiligenschein. Wenn Richard von Weizsäcker sich an die Qualitäten seines früheren Referenten Friedbert Pflüger erinnert, nennt er Mut zur unbequemen Meinung sowie ein Studium in Göttingen, Bonn und Harvard: Beides hat mich angezogen. Er verwendet tatsächlich den Ausdruck angezogen, diese sinnliche Vokabel, und es schwingt etwas vom pädagogischen Eros mit, der die beiden offenkundig bis heute verbindet - die Freude des Meisters an der Förderung des Zöglings. Wenn Richard von Weizsäcker von Friedbert Pflüger spricht, dann hat er ein Wunderkind vor Augen.

Wer das Kontrastprogramm hören will, kann sich seit Jahren auf Joschka Fischer verlassen. Der Mann, der ohne Harvard-Abschluss Außenminister werden musste, hat ein ziemlich untrügliches Gespür für die eine Stelle eines Menschen, wo dieser wirklich verletzlich ist. Bei Pflüger ist es der Überschwang. Den Mann treibt eine Leidenschaft des Herzens um, der bisweilen seine anderen Sinne nicht ganz gewachsen sind, insbesondere der Sinn fürs rechte Maß. Seit der CDU-Außenpolitiker Pflüger etwa den Transatlantiker Joschka Fischer an Amerikaliebe zu übertrumpfen suchte, verhöhnt der ihn als Atlantissimus, ein Name wie aus Asterix im Weißen Haus. Zur stehenden Wendung in Berlin wurde aber ein anderes Fischersches Spottwort. Je suis Friedbert Pflüger, hatte sich der Abgeordnete seinen französischen Kollegen vor Jahren vorgestellt, als eine deutsche Delegation Paris besuchte.

Friiibäähr Pflügäähr!, ruft Fischer seither mit dem Genuss im Gesicht, den ihm nur die Delikatesse Bosheit zu verschaffen mag. Es soll so viel heißen wie: Da macht sich einer lächerlich mit dem Persönlichsten, was er hat, seinem Namen, um zu gefallen, um sich anzudienen auf der internationalen Bühne.

Jetzt wird Friedbert Pflüger aber erst mal Regierender Bürgermeister von Berlin. So hat es die CDU der Stadt beschlossen, so hat er es sich vorgenommen. Nur die Realität steht Pflüger noch im Weg. In Umfragen liegt die Partei konstant zwischen 19 und 22 Prozent, der einzige Koalitionspartner, der die CDU in die Regierung hieven könnte, die SPD, ist unter Klaus Wowereit fest an die PDS gebunden. Doch zur Realität hat Pflüger schon in der Vergangenheit ein unkompliziertes Verhältnis gepflegt.

Der Dritte Weltkrieg? heißt sein jüngstes Buch, es geht um Terrorismus, und der Autor, inzwischen Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium, hat sich nicht weiter daran gestört, dass das vielleicht etwas übertrieben klingen könnte. Pflüger liebt den großen Wurf, besonders den aus eigener Feder. Weitere Werke: Ein Planet wird gerettet, von Friedbert Pflüger - Weckruf für Europa, von Friedbert Pflüger - Die Zukunft des Westens liegt im Osten, von Friedbert Pflüger. Seine Bücher tragen Titel, als heiße der Autor Henry Kissinger. Oder Nelson Mandela. Oder Richard von Weizsäcker.