Im südindischen Bangalore gibt es sie noch, die schönen Arbeitsbedingungen der New Economy. Auf dem fast 40 Hektar großen Campus des IT-Riesen Infosys jedenfalls, leicht außerhalb der Stadt in der Electronic City, liegen Golfplatz und Swimmingpool, Basketball- und Cricket-Feld, Fitness-Studio und Gartenrestaurants sowie ein kleines Amphitheater verstreut zwischen den Bürotürmen für rund 14 000 Software-Experten. Sie sind durchschnittlich 26 Jahre alt, führen zumeist ein Singleleben und sind für solche Annehmlichkeiten besonders empfänglich.

In der marmornen Empfangshalle begrüßen Willkommensschildchen nach amerikanischem Ritual die heutigen Besucher von der Deutschen Bank, Texas Instruments und CTCB China. Daneben präsentiert ein Videotheater Gewinnkurven, die ohne Knick nach oben klettern: auf über eine Milliarde Dollar im Geschäftsjahr 2004/05, für das aktuell noch laufende Folgejahr sind 2,14 Milliarden angepeilt. Statistiksäulen wachsen auf 49 422 Mitarbeiter und mehr als 450 meist langfristige Kunden in aller Welt, darunter Konzerne wie adidas oder DaimlerChrysler.

Infosys sei Indiens beliebtester Arbeitgeber. Die transparenteste Firma. Das am besten geführte Unternehmen. So loben die Urkunden im Ausstellungskasten.

In welch statusträchtiger Büroburg mag sich da der Mitbegründer, frühere Vorstands- und jetzige Aufsichtsratsvorsitzende verschanzen, dem man die Superlative vor allem zuschreibt: Narayana Murthy, der Regierungschefs aus China, Russland, den USA nach Bangalore holte und Ministerien, Unternehmen und Universitäten in aller Welt berät?

Doch Murthy steht einfach auf dem Flur herum, neben der Gruppe junger Leute fällt der zierliche 59-Jährige mit dem tief ansetzenden, schnurgeraden Seitenscheitel und der großen Buchhalterbrille gar nicht auf. Auch sein hölzerner Schreibtisch ist ohne Pomp. Morgens kommt NRN, so nennen sie ihn hier, in einem Mittelklassewagen ins Büro, nicht wie andere indische Superreiche in einer Limousine mit abgedunkelten Fenstern. Dieser unscheinbare Mann mit Einfluss, eines von acht asketisch erzogenen Kindern eines Mathematiklehrers, habe sich in den bald 25 Jahren seines Aufstiegs kaum verändert, urteilen jene, die ihn lange kennen. Murthy lebt in einem unspektakulären Haus, am Flughafen wartet er mitunter statt in der First Class Lounge unter den Touristen.

Die Bescheidenheit ist Programm. Schon wie Murthy ein wenig steif, mit aufgestützten Armen, in seinem Stuhl sitzt. Er lächelt kurz, dann wird er gleich wieder ernst: Wenn man in einem Land wie diesem, wo die Kluft zwischen Arm und Reich derart tief ist, als Evangelist des Kapitalismus auftritt, sagt er, dann ist es besonders wichtig, dass man für die breiten Massen erreichbar bleibt, eine reale Bezugsgröße. Und das heißt, ein einfaches Leben zu führen. Die Zurückhaltung machte den IT-Pionier für die aufstrebenden Mittelschichten in Indien zu einer Ikone.

Und jetzt ist er doch mitten zwischen die sozialen Gegensätze geraten, in eine Auseinandersetzung, die symbolhaft für die Probleme der indischen Entwicklung steht. Die große Spaltung, Kriegszone, Zank im Süden: Unter solchen Schlagzeilen prangte Murthys Porträt jüngst in den Zeitungen neben jenem des früheren Premierministers Deve Gowda, dessen Janata-Dal-Partei im Bundesstaat Karnataka der Regierungskoalition angehört.