Leben im Zwiespalt

Wer im Sommer 2002 am Berliner Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße entlangging, dem musste ein riesiges, von der Fassade herabhängendes Tuch auffallen, mit den Worten "Berliner Juden für Israel". Dieses Poster war angebracht worden als Reaktion auf antiisraelische Ausfälle, in denen damals bekanntlich über "Israels Vernichtungskrieg" und andere angebliche Parallelen Israels zu Nazideutschland sinniert wurde. Jahrzehnte nach Kriegsende blieb es undenkbar, dass sich Juden in Berlin als "Berliner Juden", als "deutsche Juden" oder "jüdische Deutsche" bezeichnen würden. Der ethnische Bruch zwischen beiden Gruppen war zu tief, Juden wohnten nur zeitweise und mit gepackten Koffern hier, als Verweiler.

Wenn heute Juden von sich öffentlich als "Berliner Juden" oder gar "jüdischen Deutschen" sprechen und eine junge deutsche Rabbinerin, Elisa Klapheck, in ihrer Autobiografie von ihrer tiefen Bindung an deutsche Kultur spricht, so zeigt dies eine fundamentale Wandlung in der jüdischen Gemeinschaft. Doch das erwähnte Poster zeigt noch eine zweite Ortsidentifikation, nämlich die mit Israel; diese beiden öffentlichen Ortsidentifikationen haben für Deutschland eine besondere Bedeutung.

Dies wird augenfällig, wenn wir uns in die jüdische Nachkriegssituation in Deutschland zurückversetzen – dem "Land des Amalek", der "verfluchten deutschen Erde". Noch zur Zeit der israelischen Staatsgründung bezog sich der spätere Frankfurter Rabbiner Wilhelm Weinberg bitter auf die Bemerkung Herders, die Juden seien in Europa ein "fremdes asiatisches Volk" geblieben, dessen Landesgesetz an einen "fremden Himmelstrich" gebunden sei; mit der Gründung Israels sei freilich das Exil zu Ende gekommen, und ihr Diaspora-Dasein würde verschwinden: Der Davidstern, bis vor kurzem ein Zeichen ihrer Erniedrigung und ihrer Pariastellung, blinke "heute auf der Flagge ihres Staates".

Diese radikale Ablehnung eines Lebens in Deutschland und die Identifikation mit Israel drückt die Gefühle vieler Juden in der Nachkriegszeit aus, ob sie nun aus Deutschland kamen oder aus Osteuropa. Der Zentralrat schrieb damals, sie seien "Zeugen des beispiellosen ›Stirb und Werde‹ unseres Volkes", und so galt ihr "erster Gruß zum Jahreswechsel den verantwortlichen Männern unserer Regierung im Heiligen Land, der verehrungswürdigen Gestalt des Staatspräsidenten Professor Weizmann und dem von dynamischer Schaffenskraft erfüllten Ministerpräsidenten Ben Gurion". Dieselben Grüße ermahnen alle Juden, Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen.

Dementsprechend feiert eine Veranstaltung der "Juden in Berlin" im Mai 1948 den neuen Staat; sie schloss mit dem "gemeinsamen Sang der Hatikwa", wobei diesen Juden "zum ersten Mal nach der Gründung des Staates Israel die Gelegenheit gegeben war, sich zu ihrem Staate und ihrem Volke öffentlich zu bekennen". In keinem anderen Land – Kanada, den USA oder Frankreich – ist damals jüdischerseits von der israelischen als "unserer Regierung" gesprochen worden.

Diese Identifikation mit Israel führt auch zu einer Neufassung der jüdischen Genealogie in Deutschland, weg von den Notabeln der deutsch-jüdischen Geschichte und hin zu einer neuen israelischen Genealogie: Kämpfende Israelis, die heroischen neuen Sabras, werden nun die neuen Brüder und Schwestern. In der Berliner Gemeindezeitung vom Mai 1948 heißt es beispielsweise: "Mit heißem Herzen verfolgen wir diesen Kampf, den unsere Brüder und Schwestern in Erez Israel führen. Jedes Haus, das zerstört wird, ist unser Haus, jedes Feld, das vernichtet wird, ist unser Haus, jeder Blutstropfen, der vergossen wird, ist unser Blut, und jeder Jude, der in diesem Kampfe fällt, ist unser Bruder."

Leben im Zwiespalt

Doch bereits einige Jahre später begann sich dieses negative Selbstbild zu wandeln; der Staat Israel hatte Juden Stolz zurückgegeben, und trotz einer wenig beneidenswerten Lage in Deutschland – Wiedergutmachungsschikanen, ungebrochener nazistischer Geist – wurde nun die Genealogie vom israelischen zum deutschen Ahnen zurückverschoben, dargestellt durch Chaim Weizmann und Leo Baeck, die jeweiligen Väter einer israelischen und einer deutsch-jüdischen Identität.

Hier nun kam eine weitere Komponente ins Spiel, nämlich die Entdeckung Israels durch nichtjüdische Deutsche. Der im Jahre 1955 gepriesene Film Israel – Land der Hoffnung des deutschen Journalisten Rolf Vogel beispielsweise pastoralisierte das israelische Leben zwischen Beduinen und Kibbuzniks, ehemaligen Akademikern aus Europa, die nachts die Grenzen ihres Landes verteidigen müssen. Langsam entwickelt sich hier eine gemeinsame Sprache zwischen Deutschen und Juden, und bald wurden Israelis/Juden eben nicht mehr nur als exotische orientalische Fremde gesehen.

Nach und nach entstand auch ein affirmatives jüdisches Leben in Deutschland, denn von jüdischer Seite wurde die deutsche Entdeckung Israels durchaus gewürdigt. Mit dem Sechstagekrieg 1967, trotz gleichzeitiger Anti-Israel-Kampagnen durch die Studentenbewegung, wurde diese Entwicklung durch eine regelrechte Israel-Euphorie beschleunigt. Heroisch kämpfende Israelis ließen sich eben schlecht vergleichen mit stereotypisierten Juden vom polnischen Schtetl.

In den achtziger Jahren wurde das deutsche Judentum aufgewertet

Von 1945 bis zur Zeit nach dem Sechstagekrieg werden die Wege gebahnt, auf denen jüdisches Leben in Deutschland sich weiter entwickeln konnte. Den ersten Aufbruch gibt es zur Zeit der Studentenbewegung, die in ambivalenter Form auch junge Juden mobilisierte. Zuvor schien ein normales, würdiges jüdisches Leben in Deutschland nicht einmal denkbar, doch nun wird eine vorsichtige, skeptische Öffnung zur deutschen Gesellschaft angedeutet. Ein Buch wie Lea Fleischmanns Dies ist nicht mein Land. Eine Jüdin verlässt die Bundesrepublik zeigt diese Öffnung gegenüber Deutschland, weil die Alternative, in Deutschland zu leben, ja durchaus in Betracht gezogen wird. In früheren Jahren war das "Gehen oder Bleiben" nicht einmal eine Frage.

Nach 1968 wird immer deutlicher, dass die jüngere Generation die Auswanderung nach Israel nicht mehr als allein selig machenden Lebensentwurf betrachtet. In den achtziger Jahren erleben wir dann eine zögerliche Aufwertung des historischen deutschen Judentums. Nun wurde auch die jüdische Genealogie weiter umgeschrieben: Man entfernte sich von Ben Gurion und Chaim Weizmann und richtete den Blick auf Moses Mendelssohn und Glikl von Hameln als "genuine" Ahnen.

Leben im Zwiespalt

Die nachrabinsche Politik in Israel, vor allem unter Netanjahu, hat, wie im säkularen Spektrum Israels, so oft auch unter hiesigen, vor allem jüngeren, Juden zu einer Desillusionierung und der Rückbesinnung auf die Diaspora beigetragen. Die neuen jüdischen Museen, Buchhandlungen und Kulturwochen feiern deutsch-jüdische Kultur vor 1933 und versuchen an Weimar anzuknüpfen. So scheint sich nun auch der Begriff eines "deutschen Judentums" anstelle von "Juden in Deutschland" langsam durchzusetzen und wird in den jüngeren Autobiografien von Julius Schoeps (Mein Weg als deutscher Jude) und Elisa Klapheck öffentlich propagiert.

Dieser breitere jüdische Neueintritt in die deutsche Öffentlichkeit über seine Repräsentanten hinaus ist inzwischen unverkennbar. Während ostdeutsche Juden, André Herzberg beispielsweise, oftmals gerade erst beginnen, Israel für sich zu entdecken, distanzieren sich andere, oft politisch engagierte jüngere jüdische Intellektuelle im Westen wie Hanno Loewy, Daniel Cohn-Bendit oder Esther Dischereit in der einen oder anderen Form von Israel als Identifikationsort und betonen, dass sie nach Europa gehören. Zum israelischen Unabhängigkeitstag schreibt Dischereit: "›Jom Haazmaut‹? Was ist das? Der Tag der Gründung Israels? Nein, den feiere ich nicht… Dass ich einen Ort hätte, wenn ich weglaufen müsste? Könnte ich das? An welchen Platz? Zum Tempelberg, der mir angeblich schon gehört hat, als ich klein war, oder zu einem Auto mit blauem Nummernschild auf einer der neuen Schnellstraßen, sorgfältig vermeidend, dass ich auf das bisschen Palästina treffe?"

Gleichzeitig kommt hier ins Spiel, was man "diasporische Ambivalenz" nennen könnte und das vor allem während des zweiten Golfkrieges sichtbar wurde. Die Befürwortung des Krieges und der Vorwurf des Antiamerikanismus seitens jüdischer Sprecher in Deutschland kontrastierte mit der überwältigenden Antikriegsstimmung der Deutschen – und auch vieler Juden.

Für die jüdische Prokriegsposition innerhalb eines breiteren, nach amerikanischem Muster sich neokonservativ gebenden Milieus gibt es mehrere Gründe. Zunächst spiegelte sich in der Haltung vieler deutsche Juden die starke Tendenz in Israel, das Regime Saddam Husseins als existenzielle Bedrohung zu empfinden – mit gutem Grund. Nicht minder wichtig ist jedoch, dass viele Juden in Deutschland eine besondere Affinität zu den Vereinigten Staaten empfinden, was sich aus der Rolle Amerikas als Garant jüdischer Belange im Nachkriegsdeutschland erklären lässt.

Ambivalenz heißt auch: Einerseits bestehen seit der Schoah begründete Vorbehalte fort; andererseits existiert ein hohes Maß an Loyalität gegenüber Deutschland. Diese Loyalität wird von jüdischen Repräsentanten gerade im Ausland demonstriert. Das Bekenntnis zum diasporischen Leben in Deutschland wird auch im Staatsvertrag deutlich, den Berlin mit dem Zentralrat geschlossen und am 27. Januar 2003 unterzeichnet hat. In einem Interview hat Paul Spiegel es unlängst so zusammengefasst: "Heute denke ich daran, wie Deutschland aussah, als ich als Siebenjähriger von der Flucht vor den Nazis zurückkam, und welch schönes Land es heute ist."

Ausgerechnet die Partei von Ignatz Bubis duldete antisemitische Töne

Leben im Zwiespalt

Unleugbar bleibt bei alledem der unterschätzte, hartnäckige, Neonazismus – und auch die sich seit Jahrzehnten manifestierenden antijüdischen Ausfälle, bis in die Spitzen der deutschen Gesellschaft – vom Bürgermeister in Korschenbroich über Martin Walser bis zu den Bundestagsabgeordneten Fellner und Hohmann. Nichts ist dafür bezeichnender als die von der FDP wahltaktisch tolerierten Töne Jürgen Möllemanns – ausgerechnet der Partei, für die sich Ignatz Bubis lange engagiert hatte und die ihm damit als Dank noch posthum eine Ohrfeige verabreichte.

Doch auch Bubis darf nicht nur von seinen pessimistischen letzten Monaten her gesehen werden; sein langjähriger Optimismus über jüdisches Leben in Deutschland muss ebenfalls gewürdigt werden; gewürdigt werden muss auch die heute gegen Rechtsradikalismus und Antisemitismus weitgehend immunisierte öffentliche Meinung.

Wenn wir also auf die erste jüdisch-deutsche Jahrhunderthälfte nach der Schoah zurückblicken, so sehen wir eine langsam wachsende, zerbrechliche, doch gleichzeitig erstarkende Selbstbehauptung jüdischen Lebens in Deutschland. Selbst Jahrzehnte nach dem Morden sind die Überlebenden und deren Kinder in Deutschland noch von Scham und Angst gezeichnet. Das andere Element sind die deklamatorischen Loyalitätsbekundungen gegenüber Israel, die immer dann zunehmen, wenn israelische Politik unter stärkere Kritik in Europa gerät. Diese Ambivalenz, mit allen öffentlichen Bekundungen der Zugehörigkeit zu Deutschland, wird ausgedrückt mit dem Satz auf dem Poster am jüdischen Gemeindehaus: "Berliner Juden für Israel".

Der Autor lehrt Soziologie an der Universität Toronto. Von ihm erschien zuletzt: "A Jewish Family in Germany Today. An Intimate Portrait" (Duke University Press, 2005)