Doch bereits einige Jahre später begann sich dieses negative Selbstbild zu wandeln; der Staat Israel hatte Juden Stolz zurückgegeben, und trotz einer wenig beneidenswerten Lage in Deutschland – Wiedergutmachungsschikanen, ungebrochener nazistischer Geist – wurde nun die Genealogie vom israelischen zum deutschen Ahnen zurückverschoben, dargestellt durch Chaim Weizmann und Leo Baeck, die jeweiligen Väter einer israelischen und einer deutsch-jüdischen Identität.

Hier nun kam eine weitere Komponente ins Spiel, nämlich die Entdeckung Israels durch nichtjüdische Deutsche. Der im Jahre 1955 gepriesene Film Israel – Land der Hoffnung des deutschen Journalisten Rolf Vogel beispielsweise pastoralisierte das israelische Leben zwischen Beduinen und Kibbuzniks, ehemaligen Akademikern aus Europa, die nachts die Grenzen ihres Landes verteidigen müssen. Langsam entwickelt sich hier eine gemeinsame Sprache zwischen Deutschen und Juden, und bald wurden Israelis/Juden eben nicht mehr nur als exotische orientalische Fremde gesehen.

Nach und nach entstand auch ein affirmatives jüdisches Leben in Deutschland, denn von jüdischer Seite wurde die deutsche Entdeckung Israels durchaus gewürdigt. Mit dem Sechstagekrieg 1967, trotz gleichzeitiger Anti-Israel-Kampagnen durch die Studentenbewegung, wurde diese Entwicklung durch eine regelrechte Israel-Euphorie beschleunigt. Heroisch kämpfende Israelis ließen sich eben schlecht vergleichen mit stereotypisierten Juden vom polnischen Schtetl.

In den achtziger Jahren wurde das deutsche Judentum aufgewertet

Von 1945 bis zur Zeit nach dem Sechstagekrieg werden die Wege gebahnt, auf denen jüdisches Leben in Deutschland sich weiter entwickeln konnte. Den ersten Aufbruch gibt es zur Zeit der Studentenbewegung, die in ambivalenter Form auch junge Juden mobilisierte. Zuvor schien ein normales, würdiges jüdisches Leben in Deutschland nicht einmal denkbar, doch nun wird eine vorsichtige, skeptische Öffnung zur deutschen Gesellschaft angedeutet. Ein Buch wie Lea Fleischmanns Dies ist nicht mein Land. Eine Jüdin verlässt die Bundesrepublik zeigt diese Öffnung gegenüber Deutschland, weil die Alternative, in Deutschland zu leben, ja durchaus in Betracht gezogen wird. In früheren Jahren war das "Gehen oder Bleiben" nicht einmal eine Frage.

Nach 1968 wird immer deutlicher, dass die jüngere Generation die Auswanderung nach Israel nicht mehr als allein selig machenden Lebensentwurf betrachtet. In den achtziger Jahren erleben wir dann eine zögerliche Aufwertung des historischen deutschen Judentums. Nun wurde auch die jüdische Genealogie weiter umgeschrieben: Man entfernte sich von Ben Gurion und Chaim Weizmann und richtete den Blick auf Moses Mendelssohn und Glikl von Hameln als "genuine" Ahnen.