Jacques Chirac droht damit, Mahmud Ahmadineschad und Osama bin Laden auch: Atomwaffen. Aber müssen wir vor allen dreien Angst haben? Die seegestützte iranische Rakete C-802 BILD

Ginge es nach dem Grad der öffentlichen Erregung, wären französische Atomraketen unzweifelhaft als die derzeit größte Bedrohung des Weltfriedens einzustufen. Was Frankreichs Oberstratege vergangene Woche sonoren Tons vor einem Atom-U-Boot verkündete, war indes Geständnis, Banalität und leerer Bluff zugleich. Beeindruckend ist das zwar auch irgendwie, aber nicht gefährlich.

Chirac droht, Frankreichs Streitkräfte könnten gegnerische Machtzentren nun präzise zerstören, statt – wie bisher behauptet – den Gegner selbst "vollständig und endgültig" zu vernichten. Das heißt, aus dem hermetischen Code der Nukleartheologen übersetzt: Wir wussten bis heute nicht, ob unsere Raketen überhaupt treffen. So viel Unvermögen freiwillig zu offenbaren, als Atommacht mit ständigem Sitz und Veto im Sicherheitsrat, wo USA und Großbritannien schon seit Jahren technisch weiter sind – der französischen Verteidigungs- und Elektronikindustrie wird das auf dem Weltmarkt wenig frommen.

Dass Frankreich zu atomaren Erstschlägen gegen Länder bereit ist, die es mit Massenvernichtungswaffen bedrohen, ist nicht einmal überraschend. Dasselbe steht in den Nukleardoktrinen der Amerikaner und der Briten. Doch um die Drohung wahr zu machen, bedürfte es eines unmittelbar bevorstehenden Angriffs (die Entfernung von IAEA-Siegeln in iranischen Atomanlagen reicht dafür keinesfalls).

So weit die Theorie. Im kalten Licht der politischen Wirklichkeit bleiben Atomwaffen für rechtsstaatlich verfasste Demokratien so teuer wie unbrauchbar. Die mit mehreren Gefechtsköpfen bestückten strategischen Nuklearraketen der Westmächte haben heute ein Vielfaches der mörderischen Kraft der Bomben von Hiroshima oder Nagasaki. Was ist Zielgenauigkeit wert, wenn solch ein Geschoss alles Leben im Umkreis von Hunderten Kilometern vernichtet und Landstriche für die Ewigkeit verseucht? Moderne Gesellschaften würden an dieser Schuld zerbrechen.

Höchstens äußerste, existenzielle Gefahr für das eigene Land könnte eine westliche Atommacht zwingen, das eigene Tabu zu brechen. Kann uns eine solche Bedrohung in Iran erwachsen – und kann der Westen es verhindern?

Teheran bastelt an Atomwaffen; Staatschef Ahmadineschad nutzt jede Gelegenheit, um den Eindruck zu verstärken, er würde sie auch benutzen. Westliche Diplomatie hat bisher allenfalls den Aufschub dieser Pläne bewirkt, nicht aber ihre Aufgabe. Doch die derzeit wild wuchernden Spekulationen über Militärschläge sind müßig. Iran hat seine Nuklearanlagen so breit gestreut, geschützt mit dicken Betonummantelungen, dass es unmöglich wäre, sie sämtlich zu zerstören. Luftangriffe könnten sogar eine Solidarisierung der Bevölkerung mit dem Regime bewirken, wie es 1999 die Nato-Bombardements in Serbien taten.

Eher früher als später dürfte Iran also dem Club der Nuklearmächte beitreten. Das wird der Glaubwürdigkeit des Westens einen schweren Schlag versetzen und den Nahen und Mittleren Osten weiter destabilisieren. Trotzdem wird auch dieser Präsident keine Feuerbefehle geben. Mag er sich nach dem Märtyrerschein sehnen, der iranischen Führung ist irdische Macht entschieden lieber, und die Vergeltung für einen Angriff wäre fürchterlich.

So steht dem Teheraner Regime eine bittere Erkenntnis bevor: Die neuen Waffen dürften auch ihm wenig nützen. Der Atommachtstatus stärkt weder seine äußere Sicherheit noch festigt er seine Herrschaft über die eigene Bevölkerung. Im Gegenteil, er lässt die Schwäche der Machthaber in noch grellerem Licht erscheinen.

Aber auch für den Westen wird es noch heikler. Gewiss, dieses Regime unterstützt schon jetzt weltweit Terroristen. Aber ein atomarer failed state Iran, dessen waffenfähiges Material in die Hände von Fanatikern von der Art eines Osama bin Laden oder seinesgleichen gerät, ist erst recht unerträglich. Denn das ist das perverse Paradox der nuklearen Proliferation: (Nur) für suizidale Massenmörder sind Atomwaffen brauchbar. Wohl oder übel werden wir also Iran helfen müssen, seine Anlagen zu sichern. Was Pakistan den USA ist, wäre Iran dann womöglich für Europa: ein eigenes Schurkenprotektorat.

Constanze Stelzenmüller leitet das Berliner Büro des German Marshall Fund. Sie gibt hier ihre persönliche Meinung wieder