Berlin

Seit drei Monaten versuchen die Grünen in ihrer neuen Rolle als kleinste Oppositionspartei öffentliches Interesse auf sich zu ziehen. Vergeblich. Doch nun ist ein Projekt am Horizont aufgetaucht, das genügend Dramatik bietet, die einstige Regierungspartei für einen Moment wieder ins Zentrum zu rücken: der endgültige Abschied von Joschka Fischer. Der Patriarch auf der Hinterbank des Bundestages wird von seinen Nachfolgern zunehmend als Störenfried empfunden. Fischer irritiert sie bei dem ohnehin schwierigen Versuch, aus seinem Schatten herauszutreten.

Die Tonlage zwischen dem einstigen Ober-Grünen und seinen Nachfolgern ändert sich - nicht nur hinter vorgehaltener Hand. Fraktionschefin Renate Künast, politische Ziehtochter Fischers und seine Wunschbesetzung an der Fraktionsspitze, legt ihrem einstigen Mentor inzwischen öffentlich nah, seinen im vergangenen September angekündigten Abschied endlich konsequent zu vollziehen. Was sie jüngst in einem Spiegel-Interview formulierte, war nicht weniger als die Aufforderung an den Exminister, sein Bundestagsmandat niederzulegen. Fraktionschef Fritz Kuhn, ebenfalls ein langjähriger Protegé Fischers, will auch künftig auf öffentliche Empfehlungen verzichten: Wie Fischer mit seinem Mandat verfahre, ist alleine seine Sache. Doch in Fraktion und Partei wächst die Kritik.

Es war Fischer, der die neue grüne Unduldsamkeit auslöste. Dann trennen sich unsere Wege, so hatte er kürzlich vor der Fraktion deklamiert, als er die Idee eines BND-Untersuchungsausschusses in Grund und Boden argumentierte. Er witterte mindestens Naivität, wenn nicht gar Opportunismus. Insbesondere Parteichef Reinhard Bütikofer, bei Fischer seit langem in der Kritik, musste sich für ein paar harmlose öffentliche Äußerungen zu Fischers Zeugenrolle bei der Aufklärung der Vorwürfe allerhand Vernichtendes anhören. Was Fischer so in Rage versetzt hatte, war offenbar die Vermutung, seine Fraktion wolle sich mit ihrer zeitweiligen Forderung nach einem Untersuchungsausschuss aus der Verantwortung für die rot-grüne Regierungspolitik stehlen. An diesem Punkt aber ist Fischer hoch empfindlich. Niemand steht wie er für die zu Ende gegangene Phase grüner Regierungsbeteiligung. Sein politisches Lebensprojekt vor Angriffen zu schützen und die sieben Jahre angemessen im bundesdeutschen Geschichtsbuch zu platzieren ist für Fischer zum herausragenden politischen Anliegen geworden. Umso absurder erschien ihm, dass ausgerechnet seine Fraktionskollegen mit der urgrünen Parole von Transparenz und Aufklärung nun den politischen Gegnern das Instrument an die Hand geben wollten, mit dem die Kampagne gegen seine einstige Politik geführt werden sollte.

Fischer platzte. Es war der erste offene Dissens zwischen ihm und seinen Nachfolgern. Und selbst wenn die grüne Führung ihre verwirrenden Wendungen fürs Erste mit einem Votum gegen einen BND-Untersuchungsausschuss beendet hat: Der Eklat in der Fraktion bedeutet dennoch eine Zäsur. Von neuem rückt nun auf die Tagesordnung, was doch schon im vergangenen September entschieden schien: Fischers Rückzug aus der Politik. Damals hatte er einer völlig überraschten Fraktion erklärt, nach 20 Jahren Spitzenpolitik wolle er nun endlich Macht gegen Freiheit tauschen. Die schnörkellose Art seines Abgangs brachte ihm seinerzeit viel Respekt und beste Kritiken. Nur die wenigsten hatten dem Polit-Junkie Fischer einen solchen Schritt zugetraut. Doch inzwischen fragen sich manche, was sein damaliger Entschluss eigentlich wirklich bedeutete. Zwar erklärt Fischer auch weiterhin, er habe alle Stecker herausgezogen, und einen solchen Abschied müsse man entweder ganz oder eben gar nicht vollziehen. Doch scheint dem bei anderen immer scharfsinnigen Beobachter zu entgehen, dass er gerade dabei ist, seinen respektablen Abgang zu verspielen.

Ich bin Geschichte, erklärt er gern. Doch zugleich ist er für Medien und Öffentlichkeit natürlich noch immer interessanter als alle seine Nachfolger, die er anlässlich seines Rückzugs schon mal als Playbackpolitiker qualifiziert hatte. Denen gefällt es natürlich nicht, dass ein feixender Fischer in den hinteren Reihen des Plenums leicht mehr Aufmerksamkeit findet als die grünen Spitzen am Rednerpult. Noch immer wirft er den Schatten, in dem sich die Grünen bewegen. Eine andere Rolle ist nicht auszumachen. Nicht einmal eine Legende hat er sich zurechtgelegt für das, was er mit seinem Mandat noch anfangen will. Er demontiert sich selbst, so klingt die wohlwollende Variante grüner Kritik.

Dabei ist klar, warum ihm der endgültige Abschied so schwer fällt. Im vergangenen September verkündete er eine Entscheidung, doch nun erfährt er, wie der politische Wechsel ihn ins Aus drängt. Der Typus des Großpolitikers, den Gerhard Schröder, Otto Schily und eben Joschka Fischer verkörperten, wirkt drei Monate nach Beginn der Großen Koalition wie aus einer anderen Zeit. Auch droht dem Ansehen der rot-grünen Außenpolitik weniger Gefahr durch die BND-Enthüllungen als durch den außenpolitischen Start der neuen Kanzlerin. Fischer ist natürlich nicht entgangen, dass Merkel bei ihrem Moskau-Besuch genau die Symbole gesetzt hat, die man in den vergangenen Jahren eigentlich von Rot-Grün erwartet hätte. Natürlich hat auch Fischer sich mit Moskauer Oppositionellen getroffen. Aber die Putin-Connection des Kanzlers konnte er damit nie überstrahlen. Vielleicht fällt ihm der endgültige Rückzug auch deshalb so schwer, weil Rot-Grün weit schneller verschwindet als erwartet. Mit der Mischung aus neuen Akzenten und zugleich mit viel Kontinuität lässt die Große Koalition die rot-grüne Ära verblassen.