Bei der Zerstörung Dresdens wurde eine Menge Porzellan zerschlagen: Meissener selbstverständlich. Dies ist nicht der unpassende Kalauer eines blödelnden Fernseh-Entertainers, sondern ein wiederkehrendes Motiv im neuesten Werk des gebürtigen Dresdners Durs Grünbein.

Schwäne zierten sein Service - und so aus einem Guß / Wie des Grafen Brühl Geschirr war sie, die kurvenreiche.

Die Kurvenreiche ist, versteht sich, die Barockstadt Dresden an der Elbschleife, in deren Mätressenschoß im Februar 1945 tonnenweise Schrott fiel. In 49 unerbittlich gereimten Zehnzeilern strapaziert das Poem vom Untergang meiner Stadt den Zusammenhang von Schönheit und Zerbrechlichkeit, von Hybris und Untergang. Nach dem Februar 1945 war, in Grünbeins Worten

Von der Bella ante bellum - nichts mehr da

Wie er findig auf Guernica reimt.

Das Porzellan und die antike Tragödie paaren sich in diesem Werk zu einem dokumentarischen Trauergesang, dessen Tonlage fatal an Fernsehfilme zum Kriegsende erinnert. Es kommt das Mädel im Flakturm vor, das Kind mit der Puppe im Luftschutzkeller, Goebbels, die Bomberpiloten, ein brennendes Kreuz und natürlich die Silhouette der Frauenkirche. Was Grünbeins Dichtung dem Fernsehen voraushat, sind - neben der schieren Menge der literarischen und historischen Anspielungen von Klemperer bis Pompeji - der Reim und der Trochäus. Mit diesem antiken Versfuß, Betonung auf der ersten, dritten, fünften und so weiter Silbe, geht es dahin, hinein in den Untergang, und mitten im Bombenhagel setzt sich artig das Reimschema fort, als hätte es nie eine Moderne gegeben.

Gedicht 27 merkt zwar in etwas knarrender Selbstironie an: Oder Goethe. Ob sich gleich auf deutsch nichts reimt, / staunt er kindlich, reimt der Deutsche kräftig fort.