Dies ist der Bericht über die Einsamkeit, das Abschiednehmen und eine verlorene Kindheit, die sich fortsetzte in ein verlorenes Leben. Ich weine um meine Kindheit, schreibt die ungarische Autorin Agota Kristof in ihrer knappen autobiografischen Erzählung. Und es sind die ersten Tränen, die in einem Werk fließen, das seine Leser seit dem Roman Das große Heft wegen seiner zusammengebissenen Zähne, seiner anarchischen Sprödigkeit in den Bann gezogen hat.

Agota Kristof ist 1956 nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes im Alter von 21 Jahren mit ihrem vier Monate alten Säugling auf dem Arm über die grüne Grenze aus Ungarn geflohen. Über Umwege und aus Zufall landete sie in der französischen Schweiz, arbeitete in einer Fabrik, lernte ein wenig Französisch und schrieb ihren großen Welterfolg mithilfe eines Wörterbuches.

Die jungen Helden dieses Romans wetteifern darin, sich gegen Schmerzen abzuhärten, die Worte Glück und Unglück ungültig zu machen. Nicht nur der Faschismus, auch der Stalinismus, das stand hier zwischen den Zeilen, hat die Sprache des Herzens zerstört. Der weiß gekachelte humane Amoralismus dieses großartigen Romans - wahlverwandt mit Albert Camus oder Imre Kertész - war eine unvergessliche Provokation.

Jetzt, viele Jahre und Bücher später, erzählt Agota Kristof, wie die Kälte in ihr Leben kam. Erzählt von ihrem Vater, dem Dorfschullehrer, der gleich neben der Wohnstube alle Dorfkinder in einem Klassenraum unterrichtete. Erzählt von der Mutter, die in ihrer Schulküche inmitten der Marmeladen- und Fleischtöpfe den Urgeruch der Kindheit verströmte. Erzählt vom Großvater, der das kleine Mädchen mit der unheilbaren Krankheit des Lesens infizierte. Und erzählt von der Zerstörung dieser Familie.

Als der Vater verhaftet wird, kommt das Kind ohne den geliebten Bruder in ein sozialistisches Internat und dichtet in der Nacht unter der Bettdecke: Gestern war alles schöner, / Die Musik in den Bäumen / Der Wind in meinem Haar / Und in deinen ausgestreckten Händen / Die Sonne.

Die Sowjetunion, schreibt Agota Kristof, habe die Kultur und Identität Ungarns erstickt. Und man darf hinzufügen: auch die der Autorin. Die Exilsprache bleibt für sie eine Feindessprache, die Heimat, die Muttersprache, die Familie sind für immer verloren. Nichts davon ist rückgängig zu machen. Auch nicht literarisch. Ihr Lebensresümee ist unversöhnlich: Wie wäre mein Leben gewesen, wenn ich mein Land nicht verlassen hätte? Härter, ärmer, denke ich, aber auch weniger einsam, weniger zerrissen, vielleicht glücklich.

Agota Kristof: Die Analphabetin