DIE ZEIT: Herr Bini Smaghi, seit sechs Jahren verfehlt die Europäische Zentralbank (EZB) ihr Ziel, die Inflation in der Eurozone unter zwei Prozent zu halten. Ärgert Sie das?

Lorenzo Bini Smaghi: Nicht wirklich. Vergleichen Sie andere Länder mit der Eurozone, und Sie sehen, wie erfolgreich wir waren. In diesem Zusammenhang dürfen Sie den Anstieg des Ölpreises nicht vergessen. Er ist seit 1999 von 10 Dollar je Barrel auf über 60 Dollar geklettert. Ohne diesen Anstieg hätte die Inflation in der Eurozone im Schnitt unter zwei Prozent gelegen. Selbst Länder wie Deutschland hatten in der Vergangenheit nur selten eine Inflationsrate unter zwei Prozent. Letzten Endes ist unsere Leistung überhaupt nicht schlecht.

ZEIT: Wäre es nicht klüger, nur auf die Kernrate der Inflation zu schauen, also die schwankungsanfälligen Energie- und Nahrungsmittelpreise herauszurechnen, so wie es die amerikanische Notenbank Fed macht?

Bini Smaghi: Es geht hier doch um den möglichen Verlust von Kaufkraft der Verbraucher. Die Kernrate der Inflation hilft nur dann, die Entwicklung der Verbraucherpreise vorherzusagen, wenn der Ölpreisanstieg vorübergehend ist. Das aber war in den vergangenen Jahren nicht der Fall.

ZEIT: Auch staatlich verordnete Preissteigerungen treiben die Inflation, zum Beispiel höhere Mehrwertsteuern, höhere Tabaksteuern oder die Einführung der Praxisgebühr. Wie muss eine Notenbank mit diesen Inflationstreibern umgehen?

Bini Smaghi: Das ist eine sehr wichtige Frage. Theoretisch sollte eine Notenbank solche Einmalmaßnahmen unberücksichtigt lassen. Aber in der Praxis kommt es Jahr für Jahr zu staatlich verordneten Preiserhöhungen. Im Durchschnitt der vergangenen Jahre gehen rund 0,4 Prozent des Inflationsanstieges in der Eurozone darauf zurück. Ich sehe das Risiko, dass die europäischen Finanzminister auch künftig versuchen, ihre nationalen Haushalte hauptsächlich durch höhere indirekte Steuern in Ordnung zu bringen. Dann aber mutiert eine Einmalmaßnahme zur permanenten Inflationssteuer. Das können wir nicht unberücksichtigt lassen. Sonst erhöht sich die Inflationserwartung und damit der Druck auf die EZB.

ZEIT: Allein die deutsche Mehrwertsteuererhöhung im kommenden Jahr treibt die Inflation im Euroraum um 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte. Führt das zu tendenziell höheren Zinsen der EZB?

Bini Smaghi: Unsere Aufgabe ist es, die Inflation unter und nahe zwei Prozent zu halten. Die Finanzminister erhöhen die Steuern. Warum beschneiden sie keine Ausgaben?

ZEIT: Moment! Wenn die EZB wegen der deutschen Mehrwertsteuererhöhung die Zinsen erhöht, verlangsamt sich auch das Wachstum. Dann fallen die Steuereinnahmen geringer aus, und die nächste Mehrwertsteuererhöhung steht auf der Tagesordnung. Die EZB riskiert einen gefährlichen Teufelskreis

Bini Smaghi: Noch sind wir nicht in diesem Teufelskreis. Ich hoffe ganz einfach, dass die Finanzminister vernünftig handeln, ihre Haushalte nicht länger durch höhere indirekte Steuern ausgleichen wollen und des Weiteren strukturelle Änderungen in ihren Haushalten vornehmen, um das Verbrauchervertrauen zu verbessern.

ZEIT: Also sollte die EZB dem deutschen Finanzminister Peer Steinbrück zurufen: Hände weg von der Mehrwertsteuer?

Bini Smaghi: Nein, dies ist nicht unsere Aufgabe. Allerdings ist es positiv, dass Deutschland sein Haushaltsdefizit 2007 wieder unter die Dreiprozentgrenze bringen will.

ZEIT: Wie werden sich die zunehmenden Ungleichgewichte innerhalb Eurolandes, besonders beim Vergleich Deutschlands mit Italien, abbauen?