Herzlija

Seit ein paar Tagen hat Israel wieder einen weiblichen Außenminister – zum ersten Mal seit Golda Meïr, die das Amt fast so lange wie Hans-Dietrich Genscher bekleidete, von 1956 bis 1966. "Golda" war der Typ "jüdische Großmutter", die einen Tee aufgoss, bevor sie ihre Generäle in den Sechs-Tage-Krieg schickte. Heute, da der iranische Präsident wüste Drohungen gen Israel schleudert, übernimmt Zipi Liwni das Amt. Die 47-Jährige ist die israelische Version der Power-Frau: blond, durchtrainiert, Leutnant der Reserve.

Im Vergleich zu Liwni wirkt Angela Merkel mit ihrem knappen Lächeln geradezu wie eine Unterhaltungskünstlerin. Die gelernte Anwältin versucht ihr Publikum auf der Sechsten Herzlija-Sicherheitskonferenz weder zu charmieren noch zu manipulieren. Ihr Redefluss ist nicht von der hin- oder mitreißenden Art, sondern ein Schwall ohne Punkt, Komma und Absatz, der auf alle rhetorischen Tricks verzichtet, die Wärme oder Witz suggerieren. Ein Ziehkind Ariel Scharons, dessen Karriere vom Mossad an die Spitze des Justizministeriums führte, ist Liwni ganz Business, und just deswegen verkörpert sie einen schier unglaublichen Stil- und Substanzwandel in der israelischen Politik. Keine Illusionen, keine Visionen, sondern Realismus, der von A nach B will. Wie C und D aussehen, erfahren wir (vielleicht) später – zumal wir uns schon mitten im Post-Scharon-Wahlkampf befinden.

Liwnis Vater Eitan befehligte die Untergrundtruppe Irgun, die vom "ganzen Land Israel" träumte, die Tochter redet von "Konzessionen" und von der "Zeit, die gegen Israel arbeitet", von "permanenten Grenzen, hinter denen es keine Siedlungen mehr geben wird". Sie redet von einem "jüdischen Jerusalem", was ganz vorsichtig die "ewig ungeteilte Hauptstadt" ablöst, also vage einen palästinensischen Regierungssitz in der seit 3000 Jahren umkämpften Stadt einschließt. Natürlich habe das "Volk Israel ein nationales und historisches Recht auf das Land Israel", dozierte sie jüngst, "aber wir werden einen Teil davon aufgeben müssen, um eine jüdische Mehrheit zu bewahren".

Hinter solchen Formeln verbirgt sich eine schleichende Revolution der israelischen Politik – oder genauer: eine Verschiebung des Diskurses wie auch der Kräfte, die Ariel Scharon im November in seiner neuen Partei Kadima ("Vorwärts") gebündelt hat. Dass die Meinungsforscher ihr auch nach dem politischen Tod des "Löwen Gottes" (deutsch für Ariel) die Vorherrschaft in der künftigen Knesset weissagen, zeugt von der Dauerhaftigkeit der neuen Ordnung.

Kadima ist weder links noch rechts, weder friedensbeseelt noch von "Groß-Israel" besessen. Die Partei verkörpert ein Paradox postmoderner Politik. Der Kommentator der Tageszeitung Ha’aretz, Aluf Benn, beschreibt es so: Einerseits sei der ideologische Schwerpunkt des Wahlvolkes nach links gerutscht – gestritten werde nicht mehr um das Ob des Rückzuges, sondern nur noch um das Wie, also um den Verlauf der neuen Grenzen. Gleichzeitig aber habe sich der Diskurs nach rechts verlagert. Nicht einmal die klassische Linke glaube mehr an einen raschen Ausgleich, geschweige denn an einen Frieden mit den Palästinensern. Oder so: Das Wörtchen "Frieden" ist im nationalen Gespräch durch das Losungswort "Grenzen" ersetzt worden.

Kein Wunder, dass auch der neue Führer der alten Linken, der Arbeitspartei von Ben Gurion und Rabin, diesen Stimmungswandel verkörpert. Amir Peretz sieht aus wie ein junger Stalin und redet wie Oskar Lafontaine: höhere Renten, Löhne und Bildungsausgaben, aber "keine neuen Steuern". Er wünscht seinem Erzfeind Scharon rasche Genesung und hangelt sich dann am neuen Konsens entlang. Wie Liwni beschwört er die "Zeit, die gegen uns arbeitet", derweil er "Groß-Israel" als "Illusion" verhöhnt. Doch einen Frieden, den er vor kurzem noch binnen eines Jahres zu erreichen gedachte, sieht er allenfalls 2010 am Horizont auftauchen. Wie die Kadima-Leute spricht er lieber von Disengagement und der "kompletten Trennung von den Palästinensern", von "zwei Staaten für zwei Völker". Der Sicherheitszaun muss bleiben, und zwar entlang einer Linie, die sich mit "israelischen Sicherheitsbedürfnissen deckt". Das heißt: Der Zaun wird diese oder jene strategische Position und die großen Siedlungsblöcke schützen, die just jenseits der alten Grenze liegen. Alle anderen Siedler werden großzügig kompensiert. Die Risiken des Rückzuges werden ausbalanciert durch bleibende "militärische Überlegenheit". Dieses Wort würden europäische Linke nicht benutzen.