Ilse Aichinger beschreibt ihr Leben, weil sie es nicht liebt. Sie verachtet Biografien und veröffentlicht seit knapp sechzig Jahren Bruchstücke ihrer eigenen. Ilse Aichingers Illusionslosigkeit hat viele Wurzeln. Es begann mit der Zwillingsschwester, ihr im Aussehen zum Verwechseln ähnlich, im Innern wie eine Fremde, und findet sein Gegengewicht in der größten Illusionsfabrik: dem Kino. Da sitzt die 85-jährige Schriftstellerin als tägliche Kronzeugin irgendwelcher alten und neuen Kinogeschichten, mehrere täglich. Ihren Gedanken, Überlegungen, Erfahrungen, Erinnerungen während ihres Tagesablaufs gewinnt sie kleine Texte ab. Eingebunden in ein sehr wienerisches Ritual: den Weg von der Wohnung in der Herrengasse zum Apollo-Kino, von dort zur Konditorei Demel oder zum Imperial. Hingeschrieben oder, wie die dem Band beigefügten Typoskripte beweisen, hingekritzelt auf Speisekarten, karierte und linierte Zettel, Werbepostkarten, Rückseiten von Rätselzeitungen.

Ihre Kinoerfahrungen fasste Ilse Aichinger 2003 unter dem Titel Film und Verhängnis zusammen. Der neue Band vereinigt kurze Texte über Unglaubwürdige Reisen. Unglaubwürdig ist Ilse Aichingers Ausweg, Glauben liegt ihr nicht, und man kann sicher sein, dass auch die kürzesten ihrer Kurzausflüge vom Blinzeln in angepriesene Paradiese frei sind. Auf den ganzen Schmus fällt diese wortgenaue Autorin, die niemanden mehr zu bewundern scheint als den erbarmungslosen E. M. Cioran, nicht herein.

Sie läuft wie das Kind, das die Abfahrt der Großmutter ins KZ mitangesehen hat, durch Tage und Szenen, immer bereit, zu Tode zu erschrecken, ohne den Tod zu fürchten. Das sagt sie jedenfalls immer wieder, und das schon seit vielen Jahren. Ihre Auswahl aus Ciorans existenzieller Skepsis und ihre Antworten auf die geborgten Zitate sind das Sehenswerteste dieser Miszellen. Sie sind keine Rettung, Ciorans Sätze rettend zu nennen wäre obszön und gänzlich gegen Aichingers Intention.

Aus Grimms Märchen bleibt ihr der Satz: Alte, du wirst unverschämt!

Die Reiseziele sind Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett, eine Erinnerung an einen Kindheitsspaziergang in Richtung Landesirrenanstalt, begleitet vom verrückten Kindermädchen, oder zur Grünangergasse, Hauptquartier der Wiener Gestapo. Den Schrecken der unvergesslichen Vergangenheit folgen Reflexionen über New York, 11. September 2001 und die Pestsäule am Wiener Graben. Ilse Aichinger trifft unterwegs auf Häuser, Sätze, Buchtitel von Kollegen. Sie schimpft auf Ingeborg Bachmann, macht einen Bogen um Kafka (zu ernst), versteht Thomas Bernhard gut, zitiert auf einer zerrissenen Einkaufstragetasche H. C. Andersen. Die Reisen, welche Umwege sie auch wählt und welchen Kollegen sie unterwegs einen Satz wegnimmt, streifen immer das eigene Leben. Die eingebauten Erinnerungen fördern nicht das Nette, sondern das Garstige zutage. So bleibt ihr aus Grimms Märchen der Satz: Alte, du wirst unverschämt! Diese Feststellung benutzt sie als Aufforderung, um der Kindheit auf der Spur zu bleiben.

Wahrscheinlich sind es die Untertreibungen, ist es ihre Pathosresistenz, die Ilse Aichinger geistig so jung hält. In ihrer Todessehnsucht, von der sie seit vielen Jahren spricht, entwickelt sie eine eigenwillige Komik: Heute ist der Tag, der morgen endgültig vorbei ist. Zu ihren immer wieder beschriebenen Verweigerungsritualen gehört es, weder dem Leben noch dem ganztägig arbeitenden Dichter mit Achtung zu begegnen. Sie trinkt lieber Tee und wartet auf das Tagesende, da kommt auch mehr heraus, die Nacht zum Beispiel.

Die kurzen, mit Datum versehenen Texte der Unglaubwürdigen Reisen sind lakonisch, misanthropische Exkurse über die Hoffnungslosigkeit und die Komik der Hoffnung. Aichinger streift ihr eigenes Leben am wunden Punkt. Die Verwüstung der Biografie durch das NS-Regime. In einem Text vom 20.9.2002, Eine Reise nach >fort<, ist sie sich sehr nah: >Fort< heißt fort. Kein Weg zurück ... Man kann nichts davon steigern oder abschwächen: Fort ist fort. Bis dahin sitzt die große und nicht klein gewordene Ilse Aichinger vor, zwischen und nach den Kinovorstellungen im Kaffeehaus und schreibt an guten Tagen einen kurzen unzeitgemäßen Text. Und rekapituliert die Tiefe des 20.