Wann ihm die Idee kam, den Präsidenten herauszufordern, kann Eedris Abdulkareem nicht mehr sagen. Es muss aber im Zorn gewesen sein, der ihn so regelmäßig befällt wie andere Leute der Hunger. Ein Stichwort genügt, schon rappt er los, beklagt mangelnde Bildung, streift das Aids-Problem, geißelt die Politik seines Landes, die es in vierzig Jahren Unabhängigkeit nicht einmal geschafft hat, für Strom und fließend Wasser zu sorgen. Wie auf Kommando redet und predigt und gestikuliert er sich unter Einsatz des bulligen Körpers dermaßen in Rage, dass keine halbe Stunde nachdem Eedris Abdulkareem sein Stammlokal, eine Pizzabude im amerikanischen Diner-Stil, betreten hat, die Atmosphäre dampft, und man versteht, warum er als Erkennungszeichen ein blütenweißes Frotteehandtuch über den Schultern trägt. Es nimmt den Schweiß der Worte auf und signalisiert zugleich Kampfbereitschaft. Nur so kommt man in Lagos über die Runden.

Im Grunde war es nämlich eine unwahrscheinliche Idee: Eedris, Stiernacken, Gesicht wie ein Preisboxer, ein Niemand aus der Provinz Kano im ländlichen Norden, gegen den ersten Mann im Staat, Mr Olusegun Obosanjo, den sie "Jet Set" nennen, seiner feinen Manieren wegen, aber auch weil er sich mehr im Ausland aufhält als daheim in Nigeria. An Potentaten wie ihm haben sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen, Intellektuelle und bekannte Schriftsteller, darunter Weltberühmtheiten wie Wole Soyinka. Streitschriften und Essays haben sie verfasst, gelegentlich gab es Proteste von ausländischen Organisationen. Protestnoten aus der Ferne finden in den nigerianischen Medien allerdings selten Widerhall, und gedruckte Worte erreichen in einem Land, in dem viele weder lesen noch schreiben können, nur die gebildeten Kreise. Es musste erst einer wie Eedris Abdulkareem kommen, um den Ton zu treffen, den die Jugend von Lagos versteht.

Für Goldketten fehlt ihnen das Geld, aber sie haben Reime für 24 Stunden

Nur recht und billig also, dass er sich feiern lässt, im Rhythmus seiner eigenen Musik mit dem Fuß wippt, während seine Crew ihm zujubelt: Eedris, der Reimzauberer, der King of Afrorap. Jaga Jaga heißt sein Hit – Yoruba für "Kuddelmuddel", "ev’rything is scattaaad, scattaaaad" lautet der Reim darauf in der Verkehrssprache Pidgin-Englisch: alles kaputt, alles komplett im Eimer, keiner weiß Bescheid. Die bass drum knallt, der Rhythmus groovt, es ist ein Stück voller Galgenhumor, in dem gestresste Lagosians ihre alltägliche Situation wiedererkennen. Jeder hat hier seine Erfahrungen mit Bürokratie und Korruption, mit den berüchtigten Go-slows von Lagos, die den Verkehr morgens und abends für Stunden lahm legen, mit Stromausfällen und den Wassergräben am Straßenrand, in denen die Malaria vor sich hin brütet. Jaga Jaga findet direkt vor der Haustür statt, es ist die überfällige Antwort auf zum Himmel stinkende Verhältnisse. Kein Wunder, dass der Präsident sich nicht amüsiert zeigte. Doch selbst der mächtige Präsident kann nicht verhindern, dass in Eedris’ Pizza Place zu Jaga Jaga auf den Tischen getanzt wird.

Seit das Stück pausenlos im Radio läuft, ist nichts mehr, wie es war. Ein Mitteilungsbedürfnis ungeahnten Ausmaßes ist ausgebrochen bei den Niemanden des Landes, zu denen jenseits der verschwindend kleinen Oberschicht nahezu alle gehören. Jeder möchte plötzlich ein Rapper sein, jeder hat plötzlich einen Kommentar zu machen. Die Musikhandlungen in den wenigen Shopping-Malls der Stadt führen neben Juju und Highlife ein Fach namens HipHop, die Straßenhändler, die für ein paar Naira Piratenware feilbieten, verkaufen nicht nur Eminem und 50 Cent, sondern auch lokale Rap-CDs, und am Bar Beach, dem Hausstrand von Lagos, haben die mobilen Musikkommandos, die den wenigen Touristen an Wochenenden ein wenig Kleingeld entlocken wollen, ihr Repertoire auf Sprechgesang umgestellt. Ein Wunderglaube an die Schlagkraft des Wortes hat seine Herrschaft angetreten, wie er zuvor schon die Nachbarländer Ghana und Elfenbeinküste, Tansania, den Senegal und Südafrika ereilte, wobei HipHop vieles bedeuten kann: Sprache des Widerstands, Einladung zur Diskussion, Mittel der Selbstaufklärung – oder auch nur der Selbstdarstellung.

HipHop ist ein Weg, seine Individualität vor sich herzutragen wie ein Plakat und dennoch einer Gemeinschaft anzugehören, bedeutet Anschluss an Stilistiken der Ersten Welt und zugleich Balsam für das geschundene afrikanische Selbstgefühl. Für manche ist es ein Weg, vorhandene Idiome weiterzuführen, den Afrobeat eines Fela Kuti etwa, es gibt sogar Rapper, die vehement darauf bestehen, der Sprechgesang sei in Afrika entstanden – was man angesichts nigerianischer Gesprächssituationen, die stets etwas Eskalatives haben, sogar glauben möchte. Andere verwenden einfach, was der Baukasten der Popkultur an Rhetoriken hergibt. HipHop in Lagos, das ist eine globale Sprache, die sich den gegebenen Bedürfnissen anpasst wie zuvor der Fußball oder das Christentum. Während die Kirchen allerdings nicht selten Stadien ähneln, die sonntags Heerscharen von Bedrängten anziehen, und an den Straßenrändern zu jeder Tageszeit Kinder und Jugendliche ihre Freizeit dem Ball opfern, sind die Jünger des Sprechgesangs Nomaden in der Stadtwüste.