Der Affront war Kalkül. Kurz vor dem Jahreswechsel stattete Evo Morales, gerade zum Präsidenten Boliviens gewählt, seit vergangenen Sonntag nun im Amt, als erstes Fidel Castro einen Besuch ab. Der greise kubanische Diktator hatte ihm ein Flugzeug nach La Paz geschickt. Nächstes Ziel des Bolivianers war Venezuela, wo Präsident Hugo Chávez seine Revolution vorantreibt und sich dabei selbst zum Freiheitshelden, zum neuen Simon Bolivar hochstilisiert. Dann ging die Reise weiter nach Europa, China, Südafrika, Brasilien. Washington, wo sich einst jeder anständige, neu gewählte Präsident Lateinamerikas als Erstes vorstellte, stand nicht auf dem Programm. Für das Weiße Haus werde er zum Albtraum werden, kündigte der ehemalige Lamahirt, Bäcker, Musiker und Kokapflanzer an, der nach dem mexikanischen Präsidenten Benito Juárez (1858 bis 1872) nun das zweite indianische Staatsoberhaupt in der Geschichte Lateinamerikas ist.

In Lateinamerika weht ein neuer Wind. Von links. In Brasilien, dem größten und wirtschaftlich potentesten Land des Subkontinents, regiert seit 2003 Luiz Inácio Lula da Silva, ein ehemaliger Metallarbeiter, der unter der Militärdiktatur Massenstreiks organisiert hatte. In Argentinien hat im selben Jahr der Linksperonist Néstor Kirchner die Präsidentschaft übernommen. Innerhalb von wenigen Monaten wurden danach rund 2600 Verfahren gegen Offiziere und Soldaten wegen Menschenrechtsverletzungen während der Militärdiktatur (1976 bis 1983) eröffnet.

Das neoliberale Modell ist gründlich diskreditiert

In Uruguay, das 170 Jahre lang von den traditionellen Parteien der Colorados und Blancos dominiert war, gewann 2004 der Kandidat der linken Frente Amplio die Wahlen; er heißt Tabaré Vázquez. Zehn seiner Minister und Staatssekretäre haben eine Karriere als politischer Häftling hinter sich. Als erste Amtshandlung nahm Vázquez die vor Jahrzehnten abgebrochenen diplomatischen Beziehungen zur sozialistischen Insel Kuba wieder auf. In Chile, wo die Linke bereits 2000 mit Ricardo Lagos an die Staatsspitze gelangt war, wurde vor zehn Tagen die Sozialistin Michelle Bachelet, Tochter eines vom Pinochet-Regime zu Tode gefolterten Luftwaffengenerals und selbst Opfer von Folter, zur Präsidentin gewählt. Sie steht deutlich weiter links als ihr Vorgänger.

Der Trend könnte sich fortsetzen. Im April wählt Peru. In Meinungsumfragen liegt noch der ehemalige Hauptmann Ollanta Humala vorn, ein populärer und populistischer Kechua-Indianer, der sich als Antipolitiker geriert, von der Wiederherstellung des alten Inka-Reiches träumt und auf der rassistischen Klaviatur spielt. Chávez und Morales haben ihn in Venezuelas Hauptstadt Caracas jüngst öffentlich als potenziellen Amtskollegen vorgestellt.

Im Juli wählt Mexiko einen neuen Präsidenten. Die besten Chancen hat Andrés Manuel López Obrador, Bürgermeister der Hauptstadt und Kandidat der linken Partei der Demokratischen Revolution (PRD). Unter den größeren Staaten Lateinamerikas gilt nur noch Kolumbien, wo der konservative Präsident Álvaro Uribe im Mai wohl im Amt bestätigt wird, als sichere Bank für die USA.