Jutta Steinkamp hätte nie gedacht, dass Sie plötzlich einmal zu den Bösen rechnen würde. Die resolute weißhaarige Leiterin einer Realschule im Berliner Problemkiez Wedding taugt eigentlich ziemlich schlecht für die Rolle des Gottseibeiuns der Integrationspolitik. Sie führt eine Schule, in der 90 Prozent der Schüler "nichtdeutscher Herkunft" sind, wie es im Amtsjargon heißt. Jutta Steinkamp arbeitet Tag für Tag mitten in der Parallelgesellschaft, und sie arbeitet tapfer gegen die Dynamik zunehmender Abschottung und Segregation. So jedenfalls hat sie es selbst immer gesehen. Die Herbert-Hoover-Schule in Berlin BILD

Doch dann wurde in der vergangenen Woche bekannt, dass an der Herbert-Hoover-Schule Deutschsprechen Pflicht ist – und zwar nicht nur im Unterricht, sondern auch auf dem Schulhof und bei sonstigen schulischen Aktivitäten. Jutta Steinkamp muss sich seither eine Menge böser Vorwürfe gefallen lassen. Die Regelung an der Schule "schüre Ressentiments in der Mehrheitsgesellschaft", sagt Eren Unsal, die Sprecherin des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg. Das "Sprachverbot provoziert die Jugendlichen", warnt die PDS-Politikerin Evrim Baba. Der Grünen-Abgeordnete Özcan Mutlu hält die Deutschpflicht gar für den Ausdruck einer "Kultur der Ablehnung". Und Marianne Demmer vom Bundesvorstand der Lehrergewerkschaft GEW findet die Regelung "mindestens so kontraproduktiv wie den Einbürgerungsleitfaden aus Baden-Württemberg".

Jutta Steinkamp kann sich auf diese Kampagne gegen ihre Schule keinen Reim machen: "Warum greifen mich ausgerechnet diejenigen an, die mich unterstützen müssten, weil sie doch angeblich ein Interesse an besserer Integration haben?"

Die türkischen Zeitungen, vor allem Hürriyet und Türkiye, spielen dabei eine unrühmliche Rolle. Sie stellen die Deutschpflicht an der Hoover-Schule in den Zusammenhang angeblich europaweit zunehmender Schikanen gegen Migranten und ihre kulturellen Eigenheiten. Als jüngste Beispiele für diese Tendenz gelten der Gesprächsleitfaden und die Pläne der niederländischen Integrationsministerin Rita Verdonk, die Ausländer verpflichten will, überall in der Öffentlichkeit nur noch Holländisch zu reden. Die türkische Presse nimmt all dies als Indiz einer neuerdings grassierenden Fremdenfeindlichkeit. Und nun, so wird suggeriert, kommt auch noch Frau Steinkamp daher!

In vielen Klassen sitzen Schüler mit acht verschiedenen Muttersprachen