Ein modernes Medium funktioniert ungefähr so. Morgens kommen wir ins Büro. Wir haben schön geduscht, Radio gehört, Fernsehen geschaut und die Nachrichtenagenturen gecheckt. Der Chef sagt: "Die spielen alle ganz groß das Thema Heimweh nach den wahren Werten. Ich finde, hm, lassen Sie mich nachdenken, am besten machen wir morgen das Heimweh nach den wahren Werten zu unserem zentralen Thema. Das spielen wir mal ganz groß." Es meldet sich der Praktikant, er sagt: "Entschuldigung, bitte, ich bin ja noch so jung, aber ich glaube, dieses Heimweh nach den wahren Werten gibt es gar nicht. Ich schlage das Thema Sehnsucht nach der Sodomie vor, weil, das ist voll das junge Thema." Der Chef sagt: "Sie müssen noch viel lernen." Dann überlegt er. "Nein, halt. Das Feuilleton bringt einen großen Text darüber, dass als Reaktion auf das Heimweh nach den wahren Werten in Teilen der Gesellschaft, sagen wir ruhig, der Jugend, eine wachsende Sehnsucht nach der Sodomie herrscht. So nehmen wir den jungen Leser an die Hand und mit ins Boot." Das Feuilleton ruft: "Für so ein komplexes Thema brauchen wir substanziell mehr Zeit und substanziell mehr Platz." Der Chef ruft: "Was seid ihr nur für Weicheier. Sie" – er deutet auf den Praktikanten – "schreiben bis heute Mittag den Text, Sie haben ja schon die zentrale These und alles, das müssen Sie jetzt nur noch ein bisschen ausformulieren."

Kisch-Preisträger Rosenkranz meldet sich. "Das Haupthindernis bei der Rückkehr zu den wahren Werten, wie überhaupt bei allem, ist meines Erachtens Bundesbeleidigungsminister Träuble. Der Mann ist unerträglich. Da muss man endlich mal draufhauen."

Zustimmendes Raunen. Jungredakteur Schlabander will es schreiben. "Ein hochkomplexes, wichtiges Thema", sagt Politikchef von Rebhahn. "Ich will Sie nicht bremsen, Schlabander, Sie junger Recke, haha, aber das muss man schon differenziert und mit Fingerspitzengefühl machen." Zwei Stunden später kommt Schlabander mit dem Text. Politikchef von Rebhahn überfliegt ihn. "Das ist stilistisch unausgereift, inhaltlich undifferenziert, Junge, ich kenne Sie gar nicht wieder. Das können wir nicht drucken, wir nehmen stattdessen die Sehnsucht nach der Sodomie, das Feuilleton hat eh keinen Platz."

Schlabander wird rot. "Kisch-Preisträger Rosenkranz meint, es sei brillant, er hat vor Glück geweint!" – "Schon nach dem dritten oder erst nach dem vierten Cognac?", fragt von Rebhahn spitz. "Sie" – Schlabander wird noch röter – "sind morgen Abend bei den Träubles zum Abendessen eingeladen, das weiß ich nämlich! Sie wollen bloß keinen Stress! Wo bleibt unser Ethos?" Von Rebhahn greift zum Telefon. "Seien Sie mal froh, Schlabanderchen, dass Sie so ein Riesentalent sind. So, Kinder, bringt mir doch mal den Text vom Feinbier über diese Vanessa Goe, die durchgeknallte Hermann-Göring-Ururenkelin, die sich für den Playboy ausziehen will, um für die Taten ihres Ururgroßvaters zu sühnen."