DIE ZEIT: An wie viele Universen glauben Sie persönlich?

Martin Carrier: An eines!

ZEIT: Können Sie dessen Einzigartigkeit beweisen?

Carrier: Nein, aber mir scheint die bisherige Vorstellung eines Universums glaubwürdiger als die Annahme von Stringtheoretikern, jede ihrer unzähligen Lösungen entspräche einem eigenen Universum.

ZEIT: Warum zweifeln Sie an der Stringtheorie?

Carrier: Es gibt eine Reihe von Qualitätsmerkmalen für wissenschaftliche Theorien. Dazu zählt etwa die Erklärung zuvor unverstandener Experimente und die Vorhersage neuartiger Phänomene. Die Stringtheorie schneidet da ziemlich schlecht ab, weil sie – bislang zumindest – einfach keinen Anschluss an konkrete, fassbare Erfahrungen bietet.

ZEIT: Darf man das dann noch Naturwissenschaft nennen? Oder hat die Physik damit die Grenze zur Metaphysik überschritten?

Carrier: Eine strenge Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Metaphysik, wie man sie früher verlangte, macht man heute eigentlich nicht mehr. Es gab immer wieder Theorien, die anfangs nicht überprüfbar schienen – und dann doch irgendwann große empirische Erfolge erzielten. Nehmen Sie zum Beispiel die Vorstellung von Atomen: Es gab sie seit den alten Griechen, doch erst nach 1800 gelang es, sie durch Tatsachen zu bestätigen. Deshalb sollte man sich mit kategorischen Aussagen darüber zurückhalten, was nun streng wissenschaftlich ist und was nicht.

ZEIT: Dennoch muss es Kriterien für gute und schlechte Wissenschaft geben.

Carrier: Sicher. Das sind Qualitätskriterien wie Erklärungs- und Vorhersagekraft, von denen ich vorher sprach. Es gibt heute ein ganzes Spektrum solcher Anforderungen, und man beurteilt die Leistungsfähigkeit einer Theorie danach, wie gut sie auf dieser mehrteiligen Skala abschneidet.