Fast fünfzig Meter schießt das Wasser in die Höhe. Mit Überschallgeschwindigkeit steigt es aus den Tiefen des Kratersees auf und formt eine Fontäne, wie man sie als touristische Attraktion von der Hamburger Binnenalster kennt. Damit enden die Gemeinsamkeiten. Die Schönheit vom Nios-See im Nordosten Kameruns braucht keine Pumpe. Niemand darf in ihrer Nähe leben. Die fruchtbaren Täler um den See sind seit fast zwanzig Jahren Sperrzone, die Dörfer evakuiert. Wann Bauern und Hirten in ihre Heimat zurückkehren dürfen, ist ungewiss. BILD

"Der See ist eine Zeitbombe", sagt der französische Physiker Michel Halbwachs. "Mit der Fontäne entschärfen wir sie." Die Gischt besteht zu 90 Prozent aus Kohlendioxid, das aus einer Magmakammer unter dem Nios-See aufsteigt. Riesige Gasmengen können sich am Boden des mehr als 200 Meter tiefen Sees lösen – bis das Kohlendioxid entweicht. Allerdings wird die Röhre der Fontäne bereits brüchig. Eine zweite muss her, um dauerhaft eine Katastrophe zu verhindern.

Als niederländische Deichexperten den See im Auftrag der Vereinten Nationen begutachteten, stießen sie auf eine weitere Gefahr: Ein natürlicher Damm droht in den nächsten fünf Jahren zu brechen – die Wassermassen könnten sich vom hoch gelegenen See aus ihren Weg bis ins 100 Kilometer entfernte Nigeria bahnen und mehr als 10000 Menschen ertränken. "Wir befürchten, dass der See bei einem Dammbruch wieder explodiert", sagt Nisa Nurmohamed, eine der Experten.

Was eine solche Explosion bedeutet, zeigte sich am 21. August 1986. An jenem Abend hatte Joseph Nkwain Besuch. Seine Tochter war nach Subum gekommen, in einen kleinen Ort zehn Kilometer vom Nios-See entfernt. Er half ihr bei den Hausaufgaben, später legten sie sich schlafen. Nichts deutete auf das nahende Unheil hin. Mitten in der Nacht hörte Nkwain ein Brummen und Krachen. Als würde ein Flugzeug abstürzen, dachte er im Halbschlaf. Und es stank. Er wollte sprechen, konnte aber keinen Ton von sich geben. Seine Tochter röchelte. Auf dem Weg zu ihr brach er ohnmächtig zusammen.

Erst am nächsten Nachmittag kam Joseph Nkwain wieder zu sich. Seine Tochter rührte sich nicht. Er schüttelte sie immer und immer wieder. Nichts. Benommen ging er nach draußen und wurde von absoluter Stille empfangen. Kein Vogel sang, kein Hund bellte, das Vieh lag regungslos am Boden. Er klopfte an die Türen der Nachbarn. Sie waren alle tot.

Nicht einmal Fliegen setzten sich auf die Leichen

Einen einzigen Freund fand Nkwain lebend, packte ihn auf sein Motorrad und fuhr zu seiner Familie in Wum. Kein anderes Lebewesen begegnete ihnen. Nicht einmal Fliegen setzten sich auf die Leichen. Nur die Gebäude sahen aus, als wäre nichts geschehen. Und die Pflanzen.