Die Aufhebung der Strafbarkeit von Staatsverbrechen wurde 1968 sogar stark erweitert. Der deutsche Bundestag fügte ins Strafgesetz eine Bestimmung ein (Paragraf 50 Absatz 2 StGB), die zwischen tat- und täterbezogenen Merkmalen unterschied. Damit wurden die Administratoren der Vernichtung zu lediglich tatbezogenen, so genannten Gehilfen des realen, angeblich allein von den Tätern vor Ort beherrschten Mordvorgangs gemacht. Für jene Gehilfen galt eine Verjährungsfrist von 15 Jahren – mit der Folge, dass der verantwortliche Behördenstab des Reichssicherheitshauptamts von Strafverfolgung weitgehend freigestellt wurde.

Der SS-Justitiar Werner Best forderte Amnestie für politische Straftäter

Diese Neufassung von Paragraf 50 Absatz 2 StGB gilt im Nachhinein als "Panne"; dem damaligen Justizminister Heinemann blieb ihre Zielrichtung verborgen. Tatsächlich hing die Neufassung in bestimmtem Maße mit der Kategorie zur Exkulpation von Staatsverbrechen zusammen, die Werner Best, der im Reichssicherheitshauptamt maßgeblich die juristischen Grundlagen für politische Gewalthandlungen gelegt hatte, zu Beginn der fünfziger Jahre entwickelt hatte. Best forderte, so genannte politische Straftaten des NS-Staatsapparats vollständig zu amnestieren, da sie nicht auf einer persönlichen kriminellen Motivation beruht hätten.

Diese Konstruktion schlug sich auch in der Privilegierung von Schreibtischtätern durch die Gesetzesänderung von 1968 nieder. Dass der SS-Justitiar Best nach 1945 mit einer derartigen Konstruktion die Straffreiheit für Verbrechen des Reichssicherheitshauptamts beeinflussen konnte, zeigt, wie groß selbst unter den Bedingungen des Grundgesetzes der Einfluss eines Denkens war, das die Bindung des Staates an die Rechtsordnung systematisch negierte.

Die Tendenz, zentrale NS-Gewaltnormen nicht infrage zu stellen, fand auch in der Rechtsprechung ihren Niederschlag. In so genannten Rasseschande-Fällen wurde der NS-Justiz von der Rechtsprechung bis auf das Strafmaß grundsätzlich Rechtsgültigkeit zugesprochen. Gleichzeitig interpretierten die Staatsanwaltschaften den Besatzungsterror der Wehrmacht im machtstaatlichen Bezugsrahmen der Diktatur und rechtfertigten damit die Verletzung des Völkerrechts. Der Bundesgerichtshof versah die Verfolgungen der Roma und Sinti bis ins Jahr 1943 lange Zeit mit einem Legalitätssiegel. Der politische Widerstand – von Dietrich Bonhoeffer, Hans von Dohnanyi und Admiral Canaris – erhielt wegen des so genannten Selbstbehauptungsrechts des NS-Staates vom höchsten Strafgericht das Kainsmal der Rechtswidrigkeit. Dass ein "offensichtliches Scheinverfahren als ordnungsmäßiges Gerichtsverfahren angesehen wurde", schrieb der jetzige Präsident des Bundesgerichtshofs, Günter Hirsch, "ist ein dunkles Kapitel in der deutschen Justizgeschichte und wird es bleiben".

Auch die Rechtsfiguren, die von Juristen zur NS-Euthanasie, zu KZ-Verbrechen und zu den mobilen Tötungskommandos verwendet wurden, liefen darauf hinaus, die Verfolgung von Staatsverbrechen einzuschränken und die Beziehung zwischen dem verletzten Rechtsgut und der Sanktion aufzuweichen. Diese strukturelle Strafminderung bei staatlich organisierten Massenverbrechen, überhaupt die Aushöhlung rechtsstaatlicher Ansprüche, hat Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, gleichsam das rechtliche Gewissen der Republik, seinerzeit mit den Worten kommentiert, sie käme "mitunter einer Verhöhnung der Opfer recht nahe". Tatsächlich wurden Funktionsträger der NS-Mordmaschinerie – wie der stellvertretende Kommandant von Majdanek, der Adjutant des Lagerkommandanten von Auschwitz, Leiter der NS-"Euthanasie" und Kommandeure von Einsatzgruppen – zu bloßen Gehilfen in einem fremden Geschehen erklärt, für das allein Hitler, Himmler und Heydrich verantwortlich seien. Es war die in NS-Prozessen immer wieder vorgebrachte "Beihilfekonstruktion", die den Strafrechtler Jürgen Baumann zu der Bemerkung veranlasste, darin würde ein Bild vom "Dritten Reich" entworfen, wonach das deutsche Volk "aus Hitler und 60 Millionen Gehilfen" bestanden habe. Von den rechtskräftig verurteilten 6497 Angeklagten in Verfahren gegen NS-Gewaltverbrecher sind nach der neuesten Statistik der Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen lediglich 166 zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden. Die im Dienst des Reichssicherheitshauptamts stehenden Einsatzgruppen-Täter galten zu über 90 Prozent als bloße Gehilfen: Sie hatten angeblich keine eigene, sondern eine fremde Tat begangen.