So sieht also einer der berühmtesten Journalisten der Welt bei der Arbeit aus. Er bläst die Backen auf, zieht einen Mundwinkel nach unten. Bernstein denkt. Dann hämmert er mit Karacho auf seine Computertastatur ein. Es hört sich an wie ein Pferd, das drei Galoppsprünge macht und wieder verharrt. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Akten und Bücher so hoch, dass nur sein Kopf herausschaut: Seine Haare sind weiß und oben schon etwas licht. Auf der Straße würde man ihn gar nicht erkennen, denn auf den Fotos aus Watergate-Zeiten war eine dunkle, dicke Mähne sein Markenzeichen. Bernstein kneift die Augen zusammen und lässt den nächsten Schwung Buchstaben auf den Bildschirm prasseln. Er schreibt einen Brief an seine alten Bekannten in der Musikindustrie. Die Band seines Sohnes hat eine neue CD herausgebracht. Es ist ihm ein bisschen unangenehm, dass er seinen Gast aus Deutschland dafür warten lässt. Bernstein lächelt und fragt: "Eine Cola vielleicht?" Er hat ein freundliches Gesicht. "Carmen!", ruft er seiner Sekretärin zu. "Bring doch bitte eine Dose Cola."

Bernsteins Büro liegt in Manhattans Upper Eastside, und es überrascht, wie klein es ist für einen Journalisten mit einem so großen Namen. Bücherregale bis unter die Decke, Kartons in den Ecken, und auf dem Boden liegen in grünen Mappen die Kapitel von Bernsteins neuem Buch verstreut. Es wird eine Biografie von Hillary Clinton. Auf dem Gästesofa arbeitet seine Lektoratsassistentin Kristina mit dem Laptop auf dem Schoß gerade daran.

Carmen bringt die Dose Cola, Kristina tippt Korrekturen ins Hillary-Buchmanuskript, Bernstein telefoniert noch kurz mit seiner Frau, um sich für die Wochenendeinkäufe zu verabreden. Ein nettes Bild. Wie eine kleine Ich-AG: Enthüllungsjournalismus Inc.

Vor etwa dreißig Jahren gelang Carl Bernstein der größtmögliche journalistische Coup. Er hat einen amerikanischen Präsidenten gestürzt. Zusammen mit Bob Woodward recherchierte er eineinhalb Jahre lang am mysteriösen Einbruch in die Wahlkampfzentrale der Demokraten im Watergate-Gebäude. Bernstein klapperte die Sekretärinnen und Wahlkampfhelfer der Republikaner ab, Woodward traf sich mit seinem Informanten Deep Throat in der Tiefgarage. Bernstein und Woodward veröffentlichten in der Washington Post über 200 Artikel, in denen sie schließlich bewiesen, dass der Einbruch vom Weißen Haus mitgeplant worden war. Nixon musste zurücktreten. Lange bevor das Wort Mediengesellschaft erfunden war, wurden die beiden Reporter, damals erst 28 und 29 Jahre alt, zu journalistischen Popstars.

"Eine verrückte Erfahrung, noch nie war Journalisten so etwas passiert. Viele Möglichkeiten steckten drin, auch ein paar Stolpersteine", sagt Bernstein. Endlich kommt er hinter seinem Schreibtisch hervor und setzt sich auch aufs Sofa. "Carmen!", ruft Bernstein nach seiner Sekretärin und zeigt auf das alte Plastikaufnahmegerät, das die Reporterin auf den Tisch gestellt hat. "Wir müssen auch ein Aufnahmegerät kaufen."

Üblicherweise wird die Geschichte so weitererzählt: Woodward ergriff die Möglichkeiten, Bernstein stolperte über Stolpersteine. Woodward hat nach Watergate einen Bestseller nach dem anderen geschrieben, zuletzt unter anderem darüber, wie die Bush-Regierung die Kriege in Afghanistan und dem Irak plante, und ist dabei den Mächtigen fast zu nahe gekommen. Bernstein wurde Stammgast in New Yorks Diskothek Studio 54 und hatte Affären unter anderem mit Liz Taylor.

Was hat er die ganzen Jahre gemacht? Ein Journalist, der nicht mal ein Aufnahmegerät hat. Und genießt er es vielleicht sogar ein bisschen, dass Woodward gerade in der Kritik steht?