Biografische Stationen wie Türsteher oder Karatetrainer kennzeichnen die Lebensläufe vieler politischer Akteure im Kosovo.Schon deshalb war Ibrahim Rugova, Literaturwissenschaftler mit ausgeprägter Vorliebe für Seidenschals und ausgeprägter Abneigung gegen Drohgebärden, eine ungewöhnliche Erscheinung. Zwei Glaubensgrundsätze markierten das Leben des kosovarischen Präsidenten, der vergangenen Samstag mit 61 Jahren an einem Krebsleiden starb: die sture Forderung nach der Unabhängigkeit für seine Heimat und das Prinzip der Gewaltfreiheit.Mit Letzterem scheiterte er.Erst als die albanische Rebellenbewegung der UÇK zu den Waffen griff und Serbiens Führer Slobodan Milosevic das Kosovo ethnisch zu säubern versuchte, zwang die Nato die serbischen Truppen 1999 mit Bomben aus dem Kosovo. Die Unabhängigkeit der zu Serbien gehörenden Provinz wird er nun nicht mehr erleben.Die kosovo-albanische Delegation, die mit der serbischen Seite über den künftigen Status des Kosovos verhandeln soll, muss sich auf einen neuen Führer einigen.Es bleibt abzuwarten, ob Rugovas Tod eine Krise oder einen Reifeprozess auslösen wird.Denn mit seiner notorischen Passivität hatte Rugova zuletzt nichts mehr bewirkt. Am Ende der Verhandlungen unter Leitung des finnischen Vermittlers Martti Athisaari wird wohl die bedingte Unabhängigkeit der Provinz stehen.Das könnte heißen: Die UN-Verwaltung wird die meisten ihrer Kompetenzen an kosovarische Institutionen übergeben.Kritische Bereiche wie der Schutz ethnischer Minderheiten - vor allem der Serben und Roma - sowie regionale Kooperation blieben für eine Übergangsphase in den Händen von UN oder EU, bis der neue Staat die Standards der internationalen Gemeinschaft erfüllt, die Voraussetzung für volle Unabhängigkeit wären. Serbiens Regierung will dem Kosovo mehr als Autonomie zugestehen, besteht aber immer noch darauf, dass die Provinz serbisch bleiben muss.Doch Russland, Serbiens Verbündeter in der so genannten Kontaktgruppe, wird eine bedingte Unabhängigkeit wohl nicht blockieren.Und die serbische Kompromissoption, wonach die von Serben bewohnten Gemeinden des Kosovos abgetrennt und Belgrad zugeschlagen würden, ist für die internationale Gemeinschaft inakzeptabel.Denn so entstünden durch Verhandlung, was d er Kosovo-Krieg verhindern sollte: ethnisch bereinigte Gebiete. Wie weit die Einsicht in das Unausweichliche in Realitätssinn mündet, wird sich bei den Verhandlungen herausstellen.Wie viel Eigenständigkeit sollen serbische Enklaven in einem unabhängigen Kosovo haben?Wie lässt sich das Unausweichliche inszenieren, ohne die moderate serbische Führung als Verräter dastehen zu lassen in einer Zeit, da in Serbien radikale Nationalisten weiter Aufwind haben? Für die albanische Seite gilt: So groß der Wunsch der Kosovaren nach dem eigenen Staat ist, so klein war bislang die Bereitschaft der politischen Elite, demokratische Institutionen zu pflegen und Rechte von Minderheiten zu akzeptieren.Die Wahl des früheren UÇK-Kommandanten Ramush Haradinaj zum Premier Ende 2004 ließ hoffen, weil sich dieser als energischer Modernisierer präsentierte.Dann zog ihn eine Anklage wegen Kriegsverbrechen aus dem Verkehr.Derzeit ist er auf Bewährung frei und sorgt h inter den Kulissen für Ruhe.Allein die Person Haradinajs gibt einen Einblick in die Wirrnisse des Kosovos auf dem Weg in die Unabhängigkeit - und erklärt das Stoßgebet, das unlängst in der Zeitung Zeri zu lesen war. Es brauchte Mut und viele Opfer, um uns von den Serben zu befreien, schrieb der Herausgeber Blerim Shala. Jetzt brauchen wir Hirn.