Das Internet ist eine tolle Sache. Für den Journalismus ist es gefährlich. Zwei aktuelle Beispiele: Auf Hawaii wurde, wie kürzlich die Netzeitung meldete, ein Reporter der Lokalzeitung Honolulu Star Bulletin gefeuert, weil er in seinen Artikeln absatzweise aus den Einträgen der Online-Enzyklopädie Wikipedia zitiert haben soll – ohne Quellenangabe. Einen ähnlichen Vorwurf erhob vorige Woche die Internet-Seite Medienrauschen.de gegen Spiegel online : Eine dort veröffentlichte Beschreibung des Achtziger-Jahre-Tüftelspielzeugs Rubik’s Cube sei Wort für Wort von Wikipedia übernommen worden. Spiegel online reagierte schnell auf die Kritik: Der Fehler wurde zugegeben, die Quelle nachträglich genannt.

Dieser Versuch einer vertrauensbildenden Maßnahme zeigt, dass es im Online-Journalismus längst nicht mehr nur um höhere Geschwindigkeit und Klickzahlen geht. Je wichtiger das Internet als Informationsmedium wird, desto stärker werben auch Online-Angebote um das Vertrauen der Leser. Um dieses Vertrauen konkurrieren sie natürlich nicht nur untereinander, sondern zunehmend mit den "traditionellen" Medien, also Zeitungen, Radio und Fernsehen.

Deren Vertrauensvorsprung stellt das Internet permanent infrage. Wer es gewohnt ist, sich seine Nachrichten im Internet selbst zusammenzusuchen, fragt sich irgendwann: Wenn ich über Blogger und Webcams Zugang zu ungefilterten Informationen haben kann, warum soll ich mir dann noch die Brille eines Journalisten aufsetzen lassen? Diese Brille verändert die Sichtweise, das ist sicher. Im schlimmsten Fall verfälscht sie sie sogar.

So sehen es viele Internet-Nutzer, und sie haben ja durchaus Recht. Einer Information muss ich trauen können, sonst ist sie nichts wert. Wer spricht da zu mir? Und in welcher Absicht? Diese Fragen muss man sich bei allen Medien stellen. Ganz besonders aber im Internet, wo man mit einem Klick vom Sinnvollen zum Abstrusen kommen kann.

Von Zurückhaltung ist jedoch beim Ansturm auf das Internet wenig zu spüren. Ende vergangenen Jahres waren mehr als die Hälfte aller Deutschen im Internet unterwegs, noch im Jahr 2000 waren es nur knapp 20 Prozent.

Bei näherem Hinsehen zeigt sich in diesem Trend allerdings eine überraschende Drehung: Während die Zahl der Online-Nutzer insgesamt nur noch langsam wächst (zuletzt um etwa zwei Prozent pro Jahr), stiegen die Zugriffe auf die Online-Ableger von Printmedien wie Süddeutsche Zeitung online im vergangenen Jahr um 30 Prozent, auf FAZ.net um 35 und auf Spiegel online um 37 Prozent. Es gibt also offenbar auch im Internet eine Sehnsucht nach Glaubwürdigkeit, Kompetenz und Verlässlichkeit. Und diese Tugenden traut der Nutzer – allen Verfehlungen zum Trotz – vor allem den in der Offline-Welt etablierten Leitmedien zu.

Skeptiker mögen einwenden, dass es gewagt sei, sich auf das Berufsethos der Journalisten zu verlassen. Worauf man sich allerdings verlassen kann, ist das ökonomische Prinzip. Für Verlage und deren Redakteure besteht eine wirtschaftliche Notwendigkeit, solide zu arbeiten, denn der Ruf der Marke ist ihr Kapital. Und das ist angesichts der viel besprochenen Medienkrise durchaus existenziell zu verstehen. Aufwändige Redaktionsarbeit ist daher kein Luxus, sondern Geschäftsgrundlage.

Natürlich ist im Internet der Aktualitätsdruck höher. Er beschert uns inzwischen eine Art Live-Berichterstattung in Textform – schneller geht’s nicht. Das heißt aber nicht, dass Online-Journalismus sich darauf beschränken muss. Im Gegenteil: Die schiere Masse der Informationen macht das Sichten, Verweisen und Einordnen immer wichtiger. Deswegen hat Orientierung gebender Journalismus Zukunft – im Internet ebenso wie in den klassischen Medien.

Im Wettbewerb um das Vertrauen der Leser können sich Online und Print auf ganz neue Arten ergänzen – und attackieren. Die Internet-Seite bildblog.de korrigiert unermüdlich die Behauptungen der größten deutschen Boulevardzeitung. Als "neue Waffe im Krieg der Medien" bezeichnete Anfang Januar die New York Times die Möglichkeit, den ungekürzten Wortlaut von Interviews online zu publizieren. Zu diesem Mittel greifen immer häufiger Interviewte, die sich falsch zitiert fühlen – oft mit peinlichen Folgen für Journalisten, die sich ihrer Deutungshoheit allzu sicher waren. Auch ganze E-Mail-Wechsel, die die Entstehung eines Artikels dokumentieren, wurden so schon publik. Allein die Möglichkeit solcher Gegenschläge dürfte manchen Journalisten vorsichtiger machen. Im Gegenzug wirken Zeitungen gegenüber dem Internet als Kontrollinstanz, wenn sie über Fehler der Online-Kollegen berichten und so die Maßstäbe etablierter Redaktionen auf das Internet anwenden.

Der Resonanzraum, den Off- und Online-Journalisten für ihre Arbeit erhalten, hat sich gewaltig vergrößert. Es wäre dumm, wenn wir nicht hinhörten, wie sich die Kritiker äußern.

* Linktipps und einige Quellen dieses Textes:
New York Times online
Der im Text erwähnte Artikel aus der NYTimes online

Der Nonliner-Atlas
Studie zur Nutzung und Nicht-Nutzung des Internets

IVW
Die Informationsgesellschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern erfasst die Reichweiten von Medien, darunter auch von Online-Magazinen