Was ist mit Susanne Osthoff geschehen? Warum das Mürrische und Ablehnende, mit dem die Medien ihr Schicksal von Anfang an behandelten? Kann es sein, dass sie von den Dollar-Noten schon etwas ahnten, die jetzt den Fall ins Zwielicht einer Kollaboration der Entführten mit ihren Entführern tauchen? Das kann natürlich nicht sein. Die Boulevardmedien haben sich von einer unklaren Nachrichtenlage noch nie abhalten lassen, selbst weniger spektakuläre Vorgänge gewaltig aufzublasen, wenn sich aus ihnen nur Empörung destillieren lässt – und dies übrigens auch dann, wenn über den emotionalen Mehrwert hinaus kein Erkenntnisgewinn zu erzielen ist.

Zu den exemplarischen Rätseln gehören daher die Fälle, in denen die Medien auf diese Anteilnahme verzichten. Warum wiederholte sich im Fall Osthoff nicht die Erregung, die mit der ebenfalls im Irak entführten Italienerin Giuliana Sgrena erzeugt wurde? Meinten die Journalisten eine Stimmung unter ihren Lesern zu spüren, die dem exzentrischen Profil der obsessiven Irak-Freundin Osthoff nicht wohl gesinnt war? Oder verfolgten sie in der Berichterstattung der Abwechslung halber eine ganz andere Strategie, die sich als Herstellung einer unangenehmen Person beschreiben lässt?

Wenn es eine solche Strategie gab, dann kulminierte sie in dem sorgfältig geschnittenen heute-journal- Interview, in dem die tief verschleierte Osthoff einen skurrilen Einblick in das Innere einer verletzten Seele gab. Was sie jetzt, als Freigelassene, vorhabe, fragte die Moderatorin. Das habe sie noch niemand gefragt, konterte die Osthoff, als wollte sie sagen: Solche Fragen kommen zu spät, um an meinem traurigen Schicksal etwas gutzumachen. Niemals in ihrem Leben sei es um ihre Wünsche gegangen! Darin zeige sich die ganze Bosheit der deutschen Gesellschaft, dass sie jetzt, wo alles gelaufen ist, plötzlich wie zum Hohn gefragt werde.

Das ungefähr war der Eindruck. Eine aggressive und verrückte Person. Und so wurde es tags darauf von der Presse kommentiert – mit Ausnahme des FAZ- Feuilletonisten Patrick Bahners, der auf den Flügeln des Verdachts die Internet-Seite des ZDF aufsuchte, wo er das ganze, ungeschnittene Interview nachlas. Er befand: Die Frau ist in ihren Reaktionen doch ganz plausibel. Ihr ist Unrecht geschehen. Wenig später versuchte sich auch Beckmann in seiner Talkshow an einer Rehabilitierung, die als glänzendes Beispiel medialer Selbstkritik sogar zum Grimme-Preis vorgeschlagen wurde.

Als alle riefen, sie sei verrückt, hielt nur ein Journalist dagegen

Und heute? Was wird aus Susanne Osthoff im Lichte der Dollar-Noten, die offenbar bei ihr gefunden wurden und aus dem Lösegeld zu stammen scheinen? Aus der erst verrückten, dann unschuldig verfolgten wird die durchtriebene Person, die uns alle getäuscht hat. Aber wer hat hier wen getäuscht? Tatsächlich haben nur die Medien das Publikum getäuscht, indem sie die objektive Undurchsichtigkeit des Falles vertuschten und statt der Fakten Charakterentwürfe in Umlauf brachten.

Das Exemplarische daran ist die Unberechenbarkeit, auch Unzuverlässigkeit in der Behandlung von Nachrichtenstoff, die aus dem Willen zur journalistischen Aufbereitung kommt. Es wird in den Redaktionen zu viel geputzt, gekocht, gewürzt und vorgekaut, und so wird am Ende nicht die frische Mohrrübe serviert, an der noch Erde und Wurzeln hängen, sondern ein Breichen, das mal nach Vanille, mal nach Banane, aber niemals nach Karotte schmeckt. Man will dem Publikum die Fakten nicht zumuten, die noch gar kein Geschmacksurteil zulassen. Und so hat man auch im Fall Osthoff panisch nach immer neuen Lösungen für die Ungereimtheiten der Realität gesucht. Eine Lösung hieß: Nicht der Fall ist verrückt, sondern die Person. Die nächste Lösung hieß: Die Frau ist Opfer der deutschen Öffentlichkeit. Die übernächste Lösung, wir wissen es schon, heißt: Das Weibsbild hat uns hereingelegt.