Während Stalingrad in der deutschen Erinnerungskultur – in der Militärhistoriografie, in der Memoirenliteratur und in unzähligen Filmen – bis heute einen herausragenden Platz einnimmt, wenn vom "Unternehmen Barbarossa", vom letztlich gescheiterten Vernichtungsfeldzug des Nationalsozialismus gegen die Sowjetunion die Rede ist, wird die rund 900 Tage währende Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht eher beiläufig behandelt. Erst in jüngster Zeit mehren sich die Anzeichen, dass der brutale Kampf um das alte St. Petersburg, dem rund eine Million Zivilisten zum Opfer fielen, von den Historikern in seinen ungeheuerlichen Dimensionen wahrgenommen wird. So erwähnt Rolf-Dieter Müller in seiner kürzlich erschienenen Gesamtdarstellung Der letzte deutsche Krieg 1939–1945 immerhin die Hungerstrategie Hitlers und des Oberkommandos der Wehrmacht gegenüber der Bevölkerung der Dreimillionenstadt (und damit einmal mehr die Einbeziehung der Wehrmacht in die Vernichtungspolitik des "Dritten Reichs").

Diese Studie wertet nun auch die sowjetischen Quellen aus

Jörg Ganzenmüllers umfangreiche Studie über die Belagerung von Leningrad, die vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 dauerte, zieht ihre Stärken nicht zuletzt aus dem Umstand, dass sie, anders als ältere deutsche Untersuchungen, auch auf sowjetische Quellen zurückgreifen kann, die der westlichen Forschung erst nach dem Ende der Sowjetunion zugänglich wurden. So ist jetzt ein komparativer Blick auf Ereignisse möglich, die in der deutschen Militärgeschichtsschreibung bislang einseitig aus deutscher Sicht dargestellt wurden. Die Auswertung der einschlägigen russischen Archive erlaubt es Ganzenmüller, deutsche und sowjetische Strategien und Entscheidungen zu vergleichen und in ihrem Wechselverhältnis zu analysieren. Auf diese Weise kann der Autor zum Beispiel zeigen, dass beide Seiten darin übereinstimmten, dass der Norden lediglich ein Nebenschauplatz in einem Krieg war, der vor Moskau und im Süden der Sowjetunion entschieden wurde. Vielleicht hat auch diese Sicht der verantwortlichen Akteure dazu beigetragen, dass der Kampf um Leningrad deutscherseits nie die historiografische Würdigung fand, die ihm gebührt.

Ganzenmüller arbeitet sorgfältig heraus, dass es letztlich die politischen und ideologischen Vorgaben der NS-Führung waren, die den Verlauf des Geschehens determinierten, nicht etwa militärische Erfordernisse und Notwendigkeiten. Für Hitler und seine führenden Paladine stand von Beginn an fest, dass der Ostfeldzug im Zeichen der Dezimierung der slawischen Bevölkerung, das heißt als Vernichtungsfeldzug zu führen sei, dem andere, konkurrierende Überlegungen zu weichen hätten.

In diesem Vernichtungskalkül war die Ernährung der Bevölkerung in den eroberten Gebieten natürlich ein "Problem" – "Die ewige Sorge für die Fremden muß jetzt endlich einmal aufhören", so Hermann Göring –, das man am ehesten dadurch lösen konnte, dass man die hungernde Bevölkerung sich selbst überließ. Das eingeschlossene Leningrad sollte denn auch keinesfalls erobert und besetzt werden, denn das hätte ja für die Wehrmacht die Ernährung von Millionen "unnützer Esser" bedeutet, sondern ausgehungert werden. Alle verfügbaren Nahrungsmittel wurden vielmehr für die eigenen Soldaten und für die deutsche Zivilbevölkerung requiriert – womit einmal mehr die These Götz Alys untermauert wird, dass es der NS-Führung im Krieg nicht zuletzt auch darum ging, die "Volksgemeinschaft" ruhig zu stellen beziehungsweise an der Kriegsbeute partizipieren zu lassen.

Stalins Terror hielt auch während des Krieges an