DIE ZEIT : Herr Platzeck, Deutschland hat immer mehr Arbeitslose, immer weniger Kinder und immer weniger gläubige Menschen. Gibt es einen Zusammenhang?

Matthias Platzeck: 1990/91 ist die Geburtenrate in Ostdeutschland auf die Hälfte zurückgegangen und hat sich seitdem nicht wesentlich erholt. Die Gründe sind auch Zukunftsängste und mangelnde Perspektiven. Zwischen Arbeitslosigkeit und Kinderzahl gibt es also einen Zusammenhang. Ob das auch mit mangelnder Gläubigkeit zusammenhängt, weiß ich nicht.

ZEIT: Sie selbst sind vor einigen Jahren wieder in die evangelische Kirche eingetreten. Warum sind Sie erst raus und dann wieder rein?

Platzeck: Ich bin in einem Haushalt groß geworden, der sehr kirchlich orientiert war, mit Tischgebet und allem Drum und Dran. Mein Großvater war Pfarrer, mein Vater hat in einem katholischen Krankenhaus gearbeitet. Ich bin getauft und konfirmiert…

ZEIT: …was zu DDR-Zeiten ungewöhnlich war.

Platzeck: Dann kam die ganz normale Rebellion gegen die Eltern. Ich dachte, der Sozialismus siegt und Kirche ist etwas von gestern. Ich bin nicht ausgetreten, aber nie eingetreten. Am Ende der DDR hatte ich dann viel mit Kirchenleuten zu tun und habe mich mit dem Pfarrer angefreundet, dessen Kirche in Potsdam das Zentrum der Bürgerbewegung war. Er hat mich viele Jahre "besprochen" und mit mir diskutiert. Gerade in der Zeit als Umweltminister bin ich immer nachdenklicher geworden, die Begrenztheit unseres Tuns wurde deutlich. Irgendwann hat der Pfarrer gesagt: Du hast ein gutes Gehalt, du nimmst mich als Seelsorger in Anspruch, nun zahl auch Kirchensteuer. Da bin ich eingetreten. Meine Kinder hatte ich da übrigens schon! Sie sehen, es ist alles ziemlich irdisch zugegangen.

ZEIT: Die Regierung streitet über die Familienpolitik. Was ist nun eigentlich das Ziel: Haushalte als Arbeitgeber zu fördern oder Betreuungskosten stärker zu finanzieren?

Platzeck: Beides. Aber wichtiger ist erst einmal die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und eine Unterstützung für Alleinerziehende und Geringverdiener. Wir sollten die Hoffnung nicht zu hoch schrauben, dass bei uns Haushalte als Arbeitgeber boomen und sozialversicherungspflichtige Beschäftigung schaffen. Für erfolgversprechender halte ich Agenturen, die auf Zeit Engpässe überbrücken, wenn das Kind mal krank oder der Kindergarten geschlossen ist.

ZEIT: Die Politik begründet ihre Wiederentdeckung des Themas Familie gern damit, dass Kinder fehlen, um die Sozialsysteme finanzieren zu können. Warum ändern Sie nicht einfach das System, anstatt die Bürger ändern zu wollen?

Platzeck: Kein Sozialsystem der Welt kann auf Dauer ohne Nachwuchs auskommen, aber das ist nicht mein Hauptpunkt. Unsere Gesellschaft orientiert sich zunehmend am "Spaß am Tag". Ein Kind kann diesen Spaß beeinträchtigen, keine Frage. Ich finde, wir müssen aber weg vom Spaß am Tag, gewissermaßen hin zur Freude am Leben. Das meine ich, wenn ich sage, dass Kinder sinnstiftend sind. Eine Gesellschaft ohne Kinder ist eine Gesellschaft ohne Zukunft.

ZEIT: Kinder zu kriegen klingt bei Ihnen nach einem moralischen Imperativ.

Platzeck: Niemand soll vorgeführt werden, weil er keine Kinder hat. Aber selbst wenn von heute an jede Frau in Deutschland vier Kinder zur Welt bringen würde, brauchten wir 30 Jahre, um wieder einen einigermaßen vernünftigen Lebensbaum zu haben.

ZEIT: Sie bauen gleichwohl einen moralischen Druck auf. Freude am Leben statt Spaß am Tag – das ist eine ganz klare Bewertung.

Platzeck: Ich würde von "Ermunterung" sprechen. Spaß am Tag hilft einer Gesellschaft nicht, sich zu entwickeln. Das ist meine feste Überzeugung. Ich glaube, Druck braucht es gar nicht, denn die Mehrheit der jungen Paare will Kinder. Aber wir müssen die Bedingungen dafür schaffen, dass dieser Wunsch erfüllt werden kann.

ZEIT: Gibt es nicht in Deutschland auch eine Überempfindlichkeit gegenüber ungünstigen Umständen? Andere Länder mit schlechteren Bedingungen haben mehr Kinder.

Platzeck: Es kann schon sein, dass es so etwas wie eine deutsche Hypochondrie gibt. Dann muss man sich fragen, wo das herkommt und wie man dagegen ankommt.

ZEIT: Wurde sie nicht auch vom Sozialstaat gezüchtet, der immer gesagt hat: Ihr habt Schmerzen – wir lindern sie, und zu selten gefragt hat, ob der Schmerz immer angemessen war? Auf anderen Feldern fangen Sie an, das kritischer zu sehen. Nur in der Familienpolitik wird immer noch ein Versprechen oben draufgesetzt.

Platzeck: Zum Kinderkriegen können Sie niemanden zwingen, durch keine Maßnahme dieser Welt. Dazu brauchen Sie einen Mentalitätswandel.