Journalismus kommt von unten und außen, im edelsten und im lumpigsten Sinne. Das ist der Mythos, die Berufslegende, das Filmklischee: der Journalist als verkommener Typ am Tresen oder als unbestechlicher Kontrolleur der Mächtigen, Whiskey oder Watergate, jedenfalls eine Gegenfigur zum Establishment. Die Presse ist im 18. Jahrhundert entstanden, im Zeitalter der Aufklärung und dann der Revolution, als Instrument, mit dem das Bürgertum gegen Hof, Staat und Obrigkeit seine Freiheit und Gleichberechtigung erkämpfte. Das ist lange her und Tausende Male von korrupten Schreiberlingen verraten worden, aber irgendwie steckt es den Journalisten in den professionellen Genen, ähnlich wie der hippokratische Eid den Ärzten. Alle sind ein bisschen Emile Zola, wie er den unschuldig verurteilten Hauptmann Dreyfus mit seinem donnernden "J’accuse!" heraushaut, allen ist das Pathos vertraut, mit dem der Spiegel das "Sturmgeschütz der Demokratie" genannt wurde. Es ist kein ganz hohles Pathos; wer dafür vollkommen unempfänglich ist, sollte sich vielleicht doch besser nach einem anderen Beruf umsehen.

Die Kehrseite der Rebellenrolle ist das halb gaunerhafte Image des Journalisten, seine Anrüchigkeit in der guten Gesellschaft. "Es ist durchaus keine Kleinigkeit", hat der Soziologe und ordentliche Professor Max Weber 1919 mit echtem Mitgefühl für den verachteten Lohnschreiber bemerkt, "in den Salons der Mächtigen der Erde auf scheinbar gleichem Fuß, und oft allgemein umschmeichelt, weil gefürchtet, zu verkehren, und dabei zu wissen, daß, wenn man kaum aus der Tür ist, der Hausherr sich vielleicht wegen seines Verkehrs mit den ›Pressebengeln‹ bei seinen Gästen besonders rechtfertigen muß." Weber fährt fort: "Nicht das ist erstaunlich, daß es viele menschlich entgleiste oder entwertete Journalisten gibt, sondern daß trotz allem gerade diese Schicht eine so große Zahl wertvoller und ganz echter Menschen in sich schließt, wie Außenstehende es nicht leicht vermuten."

Vermuten Außenstehende heute mehr wertvolle und ganz echte Menschen in den Reihen der Journalisten? Wahrscheinlich nicht. Das Sozialprestige des Berufs ist noch immer bescheiden, kein Vergleich mit traditionellen Spitzenreitern im öffentlichen Ansehen wie etwa der Ärzteschaft. Aber das Paria-Image stimmt trotzdem nicht mehr. Der Journalismus ist Teil des Establishments geworden. Man kann mit dem Zeitung- oder Fernsehmachen Geld verdienen, Macht erwerben oder berühmt werden. "Die Medien" sind ein Subsystem der modernen Gesellschaft wie Politik, Verwaltung und Wirtschaft. Der seriöse Journalist ist kein Studienabbrecher mehr, der unseriöse passt problemlos in eine nachbürgerliche Prominenzkultur, in der Poptitanen und Partyluder ihr Wesen treiben und die mit der guten Gesellschaft von früher nicht mehr viel gemein hat. Für die meisten Leser oder Zuschauer wird der Autor eines Artikels oder der Mensch auf dem Bildschirm nicht weniger einer von "denen da oben" sein als die Respekts- oder Skandalpersonen, über die er schreibt und die er interviewt.

Darin liegt ein Problem. Sicher gibt es Journalisten, denen das neue Etabliertsein gefällt, die die Nähe zur Macht genießen oder die in der Medienwelt einfach Karriere machen wollen wie in irgendeiner anderen Branche. Aber offen zeigen dürfen sie es nicht. Es verletzt den ungeschriebenen Vertrag mit dem Publikum, nach dem der Journalist eine Art Ombudsmann sein muss, der Anwalt der kleinen Leute und des gesunden Menschenverstands. Je zweifelhafter das wird, je mehr er in Wahrheit schon auf die andere Seite gehört, desto demonstrativer muss er seine Volksnähe behaupten und verteidigen.

Vermutlich hat ein gut Teil des medialen Populismus hier seinen Ursprung, das besonders laute Wettern gegen faule Abgeordnete und überbezahlte Manager, die Daueridentifikation mit dem Leser/Steuerzahler/Telekom-Kunden als übervorteiltem und ausgeplündertem Opfer. Es ist eine Haltet-den-Dieb-Strategie. Die Ruppigkeit soll dem Verdacht der Kumpanei entgegenwirken, so wie in Hitchcocks Unsichtbarem Dritten mit Platzpatronen auf den eigenen Mann geschossen wird, damit nicht auffliegt, wer mit wem unter einer Decke steckt. Das falsche Volkstribunentum ist aber durchschaubar, und die Leute glauben nicht recht daran.

Trotzdem ist dies nicht einfach Zynismus und Schauspielerei. Das Dagegensein und die Underdog-Rolle sind ein echtes journalistisches Bedürfnis; man will nicht bloß unangepasst tun, man will es wirklich sein. Der fortschrittliche, kritische Journalist sieht sich ohnehin im Kampf mit den herrschenden Gewalten von Staat, Kirche, Geld und Tradition. Aber auch sein konservativer Kollege und Gegenspieler wird nicht etwa als Propagandist der bestehenden Verhältnisse auftreten, er wird im Gegenteil erklären und tatsächlich glauben, dass die anderen, die Linken, die Achtundsechziger längst die Meinungsführerschaft erobert haben – und dann wird er gegen diesen neuen Mainstream anschwimmen. Jeder hat immer die stärkeren Bataillone gegen sich und ist selbst nonkonformistisch und subversiv.