Zweihunderteins Kanonenschüsse hallten zur Feier des Sieges im zweiten russisch-persischen Krieg über die Peter-Pauls-Festung in Sankt Petersburg. Der Waffengang brachte dem Zaren 1828 reiche Beute aus der persischen Herrschaftsmasse: Teile Georgiens, Nordaserbajdschans, Ostarmeniens sowie einen Silberrubelschatz und Kriegsentschädigungen. Den entsprechenden Friedensvertrag hatte der russische Schriftsteller Alexander Gribojedow als Kollegienrat im Außenministerium maßgeblich ausgehandelt, wofür er den Sankt-Annen-Orden erhielt. Persien gehörte endgültig zur russischen Einflusssphäre. Seit diesen imperialen Zeiten fühlt sich Russland mit dem Nachbarn im Süden des Kaspischen Meeres eng verbunden. BILD

Doch der neue Präsident des heutigen Freundesstaates Iran, Mahmud Ahmadineschad, verschreckt sogar die engsten Verbündeten im Kreml: Er leugnet den Holocaust und droht, Israel von der Landkarte zu tilgen. Die kriegerische Rhetorik begleitet ein ehrgeiziges Atomprogramm mit russischer Unterstützung, das den Verdacht auf die heimliche Produktion von Atomwaffen weckt.

Der Konflikt mit Iran beschert der russischen Außenpolitik große Probleme und eine kleine Chance. Moskau hat aus Enttäuschung über die Zusammenarbeit mit dem Westen in den letzten Jahren den Osten wiederentdeckt: Das Land soll nicht nur asiatische Energiegroßmacht sein, sondern auch diplomatischer Brückenbauer nach Zentralasien und in den Mittleren Osten. Neben China wurde auch Iran zum strategischen Partner auserkoren.

Erst bei Urananreicherung auf 93 Prozent wäre Moskau beunruhigt

Nun muss Präsident Wladimir Putin in seinem Moskauer Dilemma Kurzzeit- gegen Langzeitgewinne abwägen. Einerseits entspricht es Russlands Interesse, dass der Nachbar am Kaspischen Meer atomwaffenfrei bleibt, können doch die iranischen Schahab-3-Raketen bis nach Südrussland fliegen. Instinktiv tendiert Putin, zumal im Jahr seiner Präsidentschaft im Klub der G8-Industrienationen, zu Europäern und den USA. Andererseits möchte Moskau Iran nicht in eine Feindschaft treiben, die den Kaukasus erschüttern und die Energiemärkte destabilisieren könnte. Putins Außenpolitik steht ein Balanceakt bevor. Eine erfolgreiche Vermittlung aber könnte Russlands Großmachtansprüche untermauern.

Lange Zeit hat Moskau versucht, den Atomstreit mit Kompromissvorschlägen zu schlichten: Es hat die Rücknahme abgebrannter Brennstäbe nach Russland und eine gemeinsame iranisch-russische Urananreicherung auf russischem Boden angeboten. Aus Moskauer Perspektive ist das konstruktive Politik – dagegen würden die USA Iran mit Rachsucht verfolgen, obgleich sie bereits Afghanistan, den Irak und Pakistan dominieren. Die Europäer wiederum reagierten für den Moskauer Geschmack etwas panisch, als Bundeskanzlerin Merkel die rote Linie bereits überschritten sah, als Iran das Moratorium zur Urananreicherung aufkündigte. "Für Russland wäre die rote Linie erst bei einer Urananreicherung auf 93 Prozent oder beim Diebstahl von waffenfähigem Material verletzt", erklärt der Nuklearexperte des Moskauer Carnegie-Zentrums, Wladimir Jewsejew. "Aber selbst dann blieben der Politik noch mindestens fünf Jahre Zeit, bis Iran in der Lage wäre, Atomsprengköpfe zu produzieren."

Vor gut einer Woche allerdings rückte Russlands Außenminister Sergej Lawrow von der traditionellen Solidarität mit Teheran ab und erklärte, dass "die Weitergabe des iranischen Dossiers an den UN-Sicherheitsrat" nicht mehr ausgeschlossen sei. Putin betonte, nur wenig trenne ihn von den Positionen Europas und der USA. "Russland will Iran signalisieren, dass es einen Kompromiss finden muss", sagt Jewsejew. "Moskau ist interessiert an Iran, aber will es sich nicht mit dem Westen verderben."