Warum Joseph Conrad gegen Isabelle Huppert nicht ankommt

Jetzt ist, mit Isabelle Huppert in der Titelrolle, ein sehr sehenswerter Film angelaufen, Gabrielle, von Patrick Chéreau, nach einer Erzählung von Joseph Conrad aus dem Jahre 1898: Und wenn man es einmal anders herum ansieht, nachdem man nun beinahe anderthalb Stunden lang versunken war ins Spiel der so schönen Isabelle Huppert, versunken eigentlich in ihre Schönheit, und jetzt die Vorlage zur Hand nimmt, diese Erzählung Joseph Conrads, dann fragt man sich doch, wie er so viel Schönheit kompensi eren will mit Worten, mit bloßen Worten. Wie will er wieder gutmachen, wofür er nichts kann? Denn alle Schönheit hat ja das an sich, dass man nichts von ihr wissen konnte, ehe sie da war.

Und so leugnet Conrad sie einfach, oder er nimmt sie nicht zur Kenntnis, er schließt die Augen vor ihr, oder genauer macht er sie gar nicht erst auf. Er redet und redet und redet, er seziert, beschreibt, erläutert das, was in dem Mann vor sich geht, als seine Frau ihn verlässt und später zurückkehrt.

Einmal beschreibt er die Frau, groß, blond, repräsentativ. Schön? Er ahnt nicht, wie viel mehr wir sehen als er, er kann das ja nicht wahrhaben.

Fast gegen Ende kommt dem Mann der Gedanke, beim Abendessen, zu dem sie sich wieder zusammengefunden haben wie immer, dass sie auch jetzt, weggelaufen, wiedergekommen, aussieht wie vorher. Hat also das Bild niemals etwas gesagt oder etwas von dem wirklich bedeutet, was es zu sagen schien? Mit einem Schlag geht ihm auf, dass er sie nie begreifen wird.

Mit andern Worten, Conrad, nicht in der Lage, oder nicht willens, das Bild eines schönen Gesichts zu geben, auf dem sich durchaus wenn nicht direkt begreifen, so doch sehen ließe, was sich auf ihm (oder, wenn man durchaus so will, hinter ihm) abspielt, verlegt, was das schwer Begreifliche an der Schönheit oder was eben Schönheit sein könnte, in die mehr und mehr zerfahrene innere Suada eines Mannes, den er zu verstehen glaubt, wohl weil er selber einer ist, und nur durch die Augen dieses Mannes gewährt er uns gelegentliche Blicke auf die sonst ihnen beiden ganz vorenthaltene, eigentlich nur uns inzwischen vertraute lebendige Schönheit der Frau.

Conrad glaubt sich allein zu wissen mit seinen Vorstellungen und kann glauben, er könne mit dem Gesicht der Schönen machen, was er will. Aber nun sind wir da, die Dritten, mit denen er nicht gerechnet hat, und wir sehen dieses Gesicht, das nicht mehr in seinem Belieben steht, diese Schönheit, die wie ein Mittelding zwischen Vorstellung und Wirklichkeit nun zwischen ihn und uns gekommen ist.