In Salzburg steht an diesem Wochenende eine eigenartiges Stück auf dem Spielplan. 300 Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Kunst und Medien beraten, wie das europäische Projekt vorangebracht werden kann. So steht es, unter dem Motto The Sound of Europe, in der Ankündigung der österreichischen Regierung. Es reden - unter anderem - EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, Frankreichs Premierminister Dominique de Villepin, der Islamforscher Gilles Kepel und der Theatermacher Martin Kusej. Es spielen die Wiener Philharmoniker - natürlich Mozart. Es inszeniert Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, derzeit amtierender EU-Ratspräsident. Mozarts 250. Geburtstag liefert den willkommenen Rahmen für einen Gleichklang von Kultur und Politik, der krisenhafte Zustand der EU zwischen Bürgerzorn und Verfassungszwist bietet den Anlass. Doch was wird da aufgeführt? Eine Gruppentherapie auf offener Bühne, nach dem doppelten Nein der Niederländer und Franzosen zum vielgelobten Verfassungsvertrag, was die Gemeinschaft ziemlich erschüttert hat? Oder sollen mit dem beschwingten Titel die Krise der EU und die Debatte über Ursachen und Folgen überzuckert werden?

Die Bürger haben Sehnsucht nach Teilhabe und Partizipation, sagte Schüssel im Europäischen Parlament: Es geht dabei nicht nur um einen Text. Es geht um sehr viel mehr: Es geht um unsere Identität, was verbindet uns, was hält uns im Inneren zusammen? Es geht auch um eine faire Aufgabenteilung: Was soll Europa tun können und müssen?

Wie wollen wir leben, das ist für Schüssel die Schlüsselfrage. Er stellt sie einem Europa, das an sich selbst zweifelt, und seinen Landsleuten, die im Jahre 11 der österreichischen EU-Mitgliedschaft neben den Briten zu den größten EU-Skeptikern zählen. Österreichs Verdruss hat viele Quellen, eine davon heißt Causa Austria. Gemeint sind die EU-Sanktionen des Jahres 2000, als die Alpenrepublik von allen 14 Partnern wegen Schüssels Bündnis mit dem Rechtspopulisten Jörg Haider unter Quarantäne gestellt wurde - was seither viele weder verwunden noch vergessen haben.

Für Österreichs Kanzler ist der zwischen zwei Nein- und 13 Jasagern festgefahrene Text der EU-Verfassung erst einmal nebensächlich, der Kontext zählt. Das gibt der Debatte etwas Spielerisches, Unverbindliches. Doch nicht alle wollen der Verfassung eine neue Chance geben. Für Österreichs Vizekanzler Hubert Gorbach vom kleinen Koalitionspartner Bündnis Zukunft ist der Verfassungsprozess gescheitert, weil sich die EU mit ihren Entscheidungen zu weit vom Bürger entfernt habe.

Seine Kabinettskollegin von der Österreichischen Volkspartei, die Außenministerin Ursula Plassnik, musste sich eine ähnliche Grabrede in Den Haag anhören. Für die Niederlande ist die Verfassung tot, erklärte ihr der holländische Kollege Bernard Bot. Uneinig ist sich also Schüssels Kabinett, uneins der Club seiner EU-Kollegen.

Ist der Verfassungsvertrag längst tot, wie Niederländer oder auch Polen verkünden, oder siecht er nur scheintot dahin, in der Hoffnung auf bessere Zeiten? Ist das Werk als Ganzes noch zu retten, ergänzt nur durch ein Sozialkapitel als Balsam für globalisierungsgestresste Bürger, wie etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel meint? Oder sollte das Projekt angereichert werden durch eine Identitätsphilosophie über Europas Grenzen und Größe und den european way of life, wie das Schüssel für die von ihm inszenierte Diskussion vorschwebt? Muss der zweite Wurf ambitionierter geraten, wie Belgiens Premier Guy Verhofstadt fordert, nach dessen Überzeugung der ursprüngliche Verfassungsvertrag abgelehnt wurde, nicht weil er zu ehrgeizig, sondern weil er zu wenig ehrgeizig war? Oder wird der Vertrag zerlegt und scheibchenweise serviert, wie es Frankreichs Präsident Jacques Chirac gern praktizieren möchte, in einem Anfall plötzlicher Geschäftigkeit am Ende seiner politischen Tage?

Zu Chiracs Vorschlag nahm Wolfgang Schüssel prompt Stellung. Man müsse, erklärte der Kanzler am Dienstag gegenüber Le Monde, das Nein der Franzosen und Niederländer ebenso respektieren wie die Entscheidung derer, die bereits ratifiziert haben. Was als Mahnung an Chirac gelesen werden sollte: Cher ami, du übergehst die anderen! Hinter dem Rüffel steckt auch Genugtuung, gilt er doch jenem Mann, der im Jahr 2000 den Österreicher wegen dessen Koalition mit dem Populisten Jörg Haider in der Gemeinschaft isolierte und sanktionierte, damit das Beispiel bloß nicht Schule mache, nicht bei künftigen EU-Mitgliedern und schon gar nicht in Frankreich (wo Chirac zwei Jahre später gegen Jean-Marie Le Pen in die Stichwahl musste).