"Eine unserer Lehrerinnen war von der fixen Idee besessen, das Auswendiglernen der Lebensläufe berühmter Frauen müsse uns zur Nachahmung anspornen: ›Auch ihr solltet nach Ruhm streben. Möchtet ihr denn nicht berühmt werden?‹ – ›O nein‹, gab ich ihr eines Tages trocken zur Antwort, ›ich will nicht berühmt werden. Ich habe zu viel Mitleid mit den Kindern der Zukunft, als dass ich die Liste um noch eine Biographie verlängern möchte.‹" Mit 26 Jahren schrieb sie einer Freundin: "Also hier bin ich: berühmt!" Ihre Berühmtheit verdankte sie der Tatsache, dass sie soeben als erste Frau ihres Landes promoviert worden war. Zu dem im letzten Studienjahr obligatorischen öffentlichen Vortrag kamen die Zuhörer scharenweise – in der Hoffnung auf einen Skandal. Auch ihr Vater war darunter. Bisher hatte er ihre akademische Karriere völlig ignoriert, der Berufswunsch seines einzigen Kindes war mit seiner konservativen Weltsicht unvereinbar. Als er nun ringsum zu "so einer Tochter" beglückwünscht wurde, söhnte er sich mit ihr aus. "Meine Berühmtheit kommt so zustande: Ich wirke zart und ziemlich schüchtern, und man weiß, dass ich Leichen ansehe und berühre, dass ich ihren Geruch gleichgültig ertrage, dass ich nackte Körper ansehe (ich – ein Mädchen unter so vielen Männern!), ohne ohnmächtig zu werden. Ich bin nicht berühmt wegen meines Könnens oder meiner Klugheit, sondern wegen meines Mutes und meiner Kaltblütigkeit." Einer mühsam erkämpften Kaltblütigkeit: Skelette, Schädel und eingelegte Organe stießen sie ab – und sie war abends allein im Anatomiesaal, denn gemeinsam mit männlichen Kommilitonen Leichen zu sezieren war undenkbar. Gegen den Geruch versuchte sie zu rauchen und zwang sich, in den Relikten menschlichen Lebens nicht mehr "Romane unendlicher Leiden" zu sehen.

Als erste Ärztin des Landes spezialisierte sie sich auf Kinderheilkunde, eröffnete eine Praxis und arbeitete gleichzeitig als Assistenzärztin in der Psychiatrie. Zwei Jahre später gebar sie einen Sohn, die Beziehung zum Vater, einem Kollegen, blieb geheim. Sie gab das Kind in Pflege; erst als ihr Sohn 15 Jahre alt war, nahm sie ihn zu sich, er wurde ihr ständiger Begleiter. Statt ihr eigenes Kind aufzuziehen, beschäftigte sie sich mit den Bedürfnissen des Kindes an sich. Studien der Anthropologie, Experimentalpsychologie und Erziehungsphilosophie erweiterten ihre Kenntnisse. Sie erkannte, dass Kinder Bedingungen brauchen, die ihnen die Entwicklung ihrer Fähigkeiten ermöglichen. Als sie gefragt wurde, ob sie jemanden zur Betreuung von Vorschulkindern in einem neuen Arbeiterviertel empfehlen könne, übernahm sie die Aufgabe selbst, voller Enthusiasmus, ihre theoretischen Erkenntnisse in die Praxis umsetzen zu können. Ihre Methode führte zu erstaunlichen Erfolgen. Sie wurde zum Motor einer weltweiten Bewegung; als Person verschwand sie allmählich hinter der öffentlichen Figur, die unermüdlich durch Europa, Amerika und Indien reiste. Schon mit dreißig war sie eine Matrone. "Sie aß gerne, war verlegen in Bezug auf ihre Körperfülle und trug immer lange, schwarze Kleider in der Mode eines vergangenen Jahrzehnts." Die "eindrucksvolle, königliche Gestalt" achtete bei aller Mütterlichkeit eifersüchtig darauf, dass ihr niemand ihre Position streitig machte.

Hatte sie sich zunächst streng an naturwissenschaftliche Prinzipien gehalten, sah sie später das Geheimnis der Erziehung nicht in einer Methode, sondern im Erkennen des Göttlichen im Menschen. Angesichts des drohenden Weltkriegs schlug sie die Gründung eines "Ministeriums der Kindheit" und einer "Partei für Kinder" vor. Noch vor ihrem plötzlichen Tod im hohen Alter war sie bereit, aus Liebe zu den Kindern dieser Welt nach Afrika zu gehen.

Wer war’s?Wolfgang Müller

Auflösung aus Nr. 4:

Es war Francois Truffaut (1932–1984), der als einer der wichtigsten Vertreter des französischen Kinos und der Nouvelle Vague gilt. André Bazin holte ihn Anfang der 50er als Filmkritiker zu den renommierten "Cahiers du Cinéma". Seinen ersten Kurzfilm drehte Truffaut 1957, elf Jahre später griff er das Motiv der jungen Witwe noch einmal in "La Mariée était en noir" auf. Zitate u. a. aus: "Monsieur Truffaut, wie haben Sie das gemacht?", hrsgg. von Robert Fischer