In der vergangenen Woche habe ich bereits von Sonja Graf berichtet. Ihr Stil auf dem Schachbrett war betont angriffslustig und "männlich", und ebenso liebte es die hübsche Amazone, sich auch sonst recht maskulin zu geben.

Bereits 1934 hatte sie Deutschland in Richtung England verlassen, denn ihr freizügiger Lebensstil entsprach wahrlich nicht dem Frauenideal des Naziregimes.

Von 1938 an wird ihre Biografie immer unsteter und undurchsichtiger, in Warschau zeigt sie sich auch beim Wodkakonsum den Männern gewachsen.

Wegen der zunehmenden Spannungen zwischen Deutschland und Polen wird sie gezwungen, zwischenzeitlich "heim ins Reich" zu kommen. Doch bei den Machthabern war sie in Ungnade gefallen, man ließ sie nicht für Deutschland spielen. So emigriert sie 1939 endgültig und gelangt nach Buenos Aires. Dort kommt es zum erwarteten Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Vera Menchik und ihr – als Staatenlose tritt sie unter einer Fantasieflagge des fiktiven Staates "Liebe" an. Sie verliert das Duell um den ersten Platz gegen ihre große Rivalin. In Deutschland beginnt der Krieg, sie bleibt in Argentinien und lernt dort ihren Mann kennen, einen Steward der US-Handelsmarine. Als Vera Menchik am 27. Juli 1944 durch eine Bombe in London umkommt, nennt sich Sonja Schach-Weltmeisterin. Beim Kandidatenturnier zur WM in Moskau 1955 schneidet sie nur mittelmäßig ab. Am 6. März 1965 stirbt sie mit nur 53 Jahren an einem Leberleiden. Exzessiver Alkohol- und Zigarettenkonsum haben ihre Gesundheit ruiniert.

Ihre Autobiografie Yo soy Susan ("Ich bin Susanne") offenbart Tragik und Einsamkeit: In ihrer freudlosen Kindheit schreckt der Vater vor sexuellen Übergriffen auf sie nicht zurück, die Mutter ist dabei keinerlei Hilfe.

"Das Schachspiel war für sie das Mittel, im geistigen Wettstreit ihren Selbstwert zu bestätigen" (M. Negele). Der Gewinn der WM blieb ihr letztlich versagt – "dieser Schmerz war schier unerträglich."

Zum Abschluss eine herrliche Gewinnkombination gegen ihre große Rivalin Vera Menchik 1937 in Semmering (Österreich). Mit welchem Opferzug kam sie als Weiße in Vorteil, wobei die Strahlkraft ihrer Läufer eine große Rolle spielte? Helmut Pfleger

Auflösung aus Nr. 4: