Wurde da etwa heimlich ein Waffenstillstand beschlossen? Haben die Zeitungen und Sender zu viel Respekt vor der Größe der Großen Koalition? Haben sie sich im vergangenen Jahr mit den beinahe im Wochenrhythmus dahinsinkenden Politikern müde geschossen? Oder warum sonst verhalten sich die Medien gegenüber der Politik seit drei Monaten so milde? Abgesehen von der leicht hyperventilierenden Berichterstattung zum Thema BND, "geben die Journalisten der neuen Regierung eine Chance", wie es etwas gönnerhaft heißt. Offenbar hat sich etwas geändert. Und offenbar hat es zu tun mit dem vergangenen September, sprich dem größten Zusammenprall zwischen Journalismus und Politik seit langem.

Da hat die abtretende rot-grüne Generation noch einmal nachgetreten, gegen die Medien vor allem. Der Exkanzler drohte einem Spiegel- Kollegen, er müsse "aufpassen", Joschka Fischer empfahl einigen Journalisten, "sich ins Schwert zu stürzen". Otto Schily beschimpfte vor der versammelten Verlegerschaft die Journalisten. Ihr Vorwurf lautete, da hätten einige Medien eine Kampagne gegen Rot-Grün veranstaltet und versucht, selbst Politik zu machen. In eine ähnliche Richtung zielten dann die anschließenden Diskussionen auf den Medienseiten der Zeitungen, beim Spiegel stritt man intern über Qualität und Richtung des Blattes.

War die Kritik berechtigt, und hat sie zur Besserung geführt? Eher nicht. Vielmehr liegt hier ein Beispiel dafür vor, wie aus bösen Absichten und schlechten Argumenten doch noch etwas Gutes werden kann. Wie? Gehen wir zurück in die Phase, in der aller Zwist sich zuspitzte, in den Wahlkampf 2005. Der begann mit dem Versuch von Schröder und Fischer, der Öffentlichkeit einen Wahlkampfbären aufzubinden. Beide glaubten weder an einen rot-grünen Wahlsieg, noch wollten sie ihn wirklich. Der Kanzler und Franz Müntefering haben mit ihrem Neuwahlbeschluss der Koalition ein Ende gesetzt, weil sie glaubten, dass diese Konstellation am Ende war. Dennoch versuchten sie, den Menschen und den Medien das Gegenteil weiszumachen, weil sie dachten, anders nicht Wahlkampf machen zu können. Allein der Plan ging schief, die Medien ließen sich nicht bluffen, die Leute auch nicht.

Das ärgerte den Medienkanzler Schröder und den Medienliebling Fischer. Da ihr Versuch, die Medien zu manipulieren, fehlgeschlagen war, behaupteten sie, die Medien hätten ihrerseits versucht, den Wahlkampf zu manipulieren und Rot-Grün wegzuschreiben. Ganz so war es jedoch nicht. Der Exkanzler, dessen Agenda-Politik von der Mehrheit der Journalisten unterstützt worden war, führte seinen Wahlkampf mit einem Sozial-Furor, mit dem er genauso gut gegen sich selbst hätte polemisieren können. Darin konnten ihm gerade diejenigen nicht folgen, die seine Politik in den Jahren 2003 und 2004 unterstützt hatten. Da nun Rot-Grün auch von Roten und Grünen weder gewollt noch von den Mehrheiten her realistisch war, blieben nur zwei Konstellationen übrig: Schwarz-Gelb oder Schwarz-Rot. Für Letztere jedoch wurde von den Spitzenpolitikern nicht argumentiert, geschweige denn Wahlkampf getrieben.

Folglich bildete sich bei den Hauptstadt-Medien mehrheitlich die Überzeugung heraus, dann müsse Schwarz-Gelb nun eben mal sein – so wie im Übrigen 2002 eine Neigung zur Fortsetzung der rot-grünen Koalition verbreitet war. Natürlich fand sich bei einzelnen Blättern auch kampagnenartiges Verhalten, es gab die – am Ende von Wahlkämpfen üblichen – Einseitigkeiten. Es wurden zudem handwerkliche Fehler gemacht, und den einen oder anderen Titel gegen Rot-Grün hätte man sich gewiss sparen können. Eine mehrere Medien übergreifende Kampagne jedoch hat nicht stattgefunden. Sie kann auch gar nicht stattfinden. Schließlich: Man konkurriert um Leser, und zwar ziemlich robust angesichts eines schrumpfenden Marktes. So brachte dieser Wahlkampf unter dem Strich nur mit sich, was es – leider – immer wieder gibt: viele Fehler, wenige Übergriffe. Den Hauptakteuren der alten Regierung erschien das alles nur drastischer als üblich, weil ihr Versuch, den Medien etwas vorzumachen, ungewöhnlich kühn war und scheiterte.

Am Wahlabend verstanden viele Journalisten die Welt nicht mehr

Dass ihre Kritik trotzdem einige Wirkung hatte und eine produktive Unruhe unter den meinungbildenden Medien auslöste, hängt damit zusammen, dass mit dem Wahlergebnis vom 18. September eine eklatante Schwäche der Journalisten offenkundig wurde. Politischer Journalismus in einer Demokratie kommt nicht aus, ohne beständig Mutmaßungen über "das Volk" anzustellen: Was machen die Bürger mit, was nicht, was wünschen sie, was verstehen sie? Das sind unausgesprochene Kriterien, mit denen kommentierender, aber auch berichtender Journalismus umgeht. Da muss es beunruhigen, dass die meisten von uns bei der Einschätzung dessen, was am 18. September herauskommen würde, so sehr danebenlagen. Insbesondere das schlechte Abschneiden der radikalreformerisch aufgelegten Union hat überrascht. Dass die Demoskopen und fast alle Politiker ebenso verblüfft waren, kann nicht über den Befund hinwegtrösten: Wir haben hier ein Problem.