Warum braucht man eine Theorie für die Wirtschaft? Warum fragen wir nicht den Praktiker? Die Antwort von Walter Eucken, dem geistigen Vater der bundesrepublikanischen Wirtschaftsordnung, ist klar, aber nicht simpel: Der einzelne Praktiker kennt nur seine Welt: die des Arbeiters, des Konzernlenkers, des Bankiers, des Handwerkers, des Verbrauchers - aber keiner sieht den ganzen Kosmos der Wirtschaft. Nur die Nationalökonomie, so Eucken, könne den Alltag im Gesamtzusammenhang der Wirtschaft erklären.

Es ist ein schmales Bändchen, ein Text, der zuerst 1938 erschien und sofort verboten wurde, 1950 in einer erweiterten und aktualisierten Version auf den Markt kam und jetzt just in dieser Fassung wieder neu aufgelegt worden ist.

Ein Büchlein, das die Lektüre lohnt. Eucken zufolge muss die Ökonomie jenseits der Tagespolitik das ordnungspolitische Denken formen und eine funktionsfähige Ordnung der Wirtschaft sichern. Sein Fokus gilt der Machtballung im Markt sowie dem Einfluss der Verbände, Monopole, Konzerne und Gewerkschaften auf die Politik. Er geht so weit zu behaupten, dass die meisten Misserfolge der Wirtschaftspolitik Folgen der Korruption der Gesetzgeber durch Interessengruppen sind. Eucken fordert deshalb, der Staat solle sich als Ordnungsmacht, als Hüter des Wettbewerbs definieren und jede Macht in Form von Monopolen oder Oligopolen brechen oder bändigen.

Weder der einzelne Anbieter noch der einzelne Nachfrager dürfe über Marktmacht verfügen. Aus diesem Grund käme es Eucken auch, anders als modernen Vertretern seiner Zunft, kaum in den Sinn, etwa die steigende Konzentration auf dem Lebensmittelmarkt für unproblematisch zu halten, nur weil zugleich die Preise sinken. Diese Sicht fokussiert sich einseitig auf den Markt der Endverbraucher - die Marktmacht der Lebensmitteloligopolisten gegenüber den Erzeugern und Lieferanten wird unterschlagen.

Je mehr Macht die Einzelnen besitzen, umso größer ist die Gefahr, dass ein Konflikt zwischen dem Einzelinteresse und dem Gesamtinteresse entsteht. Das Buch ist klein, doch im Zeitalter der Großfusionen und der ständigen Konsolidierung der Märkte aktueller denn je.

Walter Eucken: Wozu Nationalökonomie?

Mit einem Nachwort von Walter Oswalt, Klett Cotta Verlag, Stuttgart 2005 - 95 S., 12,50 e