DIE ZEIT : Frau Ministerin, wenn nun ein Terrorist hereinkommt und sagt: "Ich habe in diesem Haus eine schmutzige Bombe versteckt, ich sag aber nicht, wo!", wie würden Sie diesen Mann foltern?

Brigitte Zypries: Ich würde den Mann nicht foltern, sondern mit ihm reden.

ZEIT : Er hat aber keine Lust, mit Ihnen zu reden.

Zypries: Doch, mit mir würde er schon reden, glauben Sie mir! Im Ernst: Es gibt intelligentere Vernehmungsmethoden als die Folter. Und wir wissen ja nie, ob ein Verdächtiger unter Folter die Wahrheit sagt. Das ist doch das zweite große Problem mit der Folter: Sie verletzt nicht nur die Menschenwürde, sondern es ist völlig unklar, ob die Aussagen eines Gefolterten auch stimmen. Unter Schmerzen teilt man alles mit, was die Quälenden hören wollen, nur damit die Qualen endlich aufhören.

ZEIT : Darf man dem Terroristen den Schlaf rauben? Ihn mit Rap-Musik beschallen? Ihn mit Scheinwerfern anstrahlen?

Zypries: Jede erniedrigende Behandlung ist verboten. Dazu gehören nach der UN-Antifolterkonvention starke körperliche oder geistig-seelische Schmerzen.

ZEIT : Diese Methoden wurden von Ihrem US-Regierungskollegen, Justizminister Alberto Gonzales, für Verhöre Terrorverdächtiger in Guantánamo ausdrücklich erlaubt. Und US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zerbrach sich persönlich den Kopf, ob Terrorverdächtige bei Verhören vier oder acht Stunden lang stehen sollen. Wo beginnt denn Folter?

Zypries: Es gibt kein Feindstrafrecht und auch keine besonderen Ermittlungsmethoden für Terrorverdächtige. Man muss sie wie jeden anderen verdächtigen Mitmenschen auch behandeln.

ZEIT : Ihre amerikanischen Regierungskollegen würden verwundert den Kopf schütteln. Sind denn keine Fälle denkbar, in denen härtere Vernehmungsmethoden zulässig sind?

Zypries: Nein, bei uns gelten die Strafprozessordnung und das Folterverbot. Schimanski-Methoden gibt’s nur im Fernsehen.

ZEIT : Der Frankfurter Vizepolizeichef Wolfgang Daschner drohte einem Kindesentführer Folter an. Hat er damit eine rote Linie überschritten?

Zypries: Ja. Er muss deshalb auch die persönlichen Konsequenzen tragen.

ZEIT : Wir reden hier am grünen Tisch. Was hätte denn der Polizist tun sollen, in so einer Situation? Damals suchte die Polizei ja nach einem entführten Kind, wollte dessen Leben retten.

Zypries: Ich gestehe zu, dass jeder in eine Situation kommen kann, wo der letzte Maßstab das eigene Gewissen ist.

ZEIT : Darf das eigene Gewissen einen Menschen dazu verleiten, das Folterverbot zu missachten?

Zypries: Es kann Situationen geben, in denen das Gewissen sagt: Ich kann nicht anders. Dann muss man allerdings auch die persönliche Verantwortung dafür tragen und sich für den Rechtsbruch vor Gericht verantworten. Denn rechtlich gilt das Folterverbot in Deutschland und weltweit absolut. Und daran gibt es nichts zu deuteln.

ZEIT : Blicken wir noch einmal in die USA. Bundeskanzlerin Angela Merkel fand gegenüber George W. Bush deutliche Worte zu den Zuständen in Guantánamo. Schröder hat geschwiegen. Warum?

Zypries: Diese Debatte über die rot-grüne Politik ist wirklich verlogen. Blicken wir doch zurück: Als der Irak-Krieg begann, sagten wir: "Keine deutschen Soldaten in den Irak!" Wir haben aber auch öffentlich keinen Zweifel daran gelassen, dass wir als Nato-Partner zum Bündnisfall stehen, den Amerikanern Überflugrechte gewähren und die Nutzung ihrer Basen in Deutschland ermöglichen. Niemand wollte die Differenzen im deutsch-amerikanischen Verhältnis eskalieren.

ZEIT : Das Schweigen zu den Menschenrechtsverletzungen der USA in Guantánamo war also politisches Kalkül?

Zypries: Die deutsche Bundesregierung stand damals unglaublich unter Beschuss – nicht zuletzt durch den Besuch von Angela Merkel, die in die USA fuhr, um Bush zu versichern, dass nicht das ganze deutsche Volk hinter der Ablehnung des Irak-Krieges stehe. Sie sollten aber aus der öffentlichen Zurückhaltung nicht schließen, dass wir Minister bei bilateralen Treffen unsere ablehnende Position zu Guantánamo nicht deutlich gemacht hätten. Auch wenn keiner von uns das hinterher an die große Glocke gehängt hat. Man kann die politische Ausgangslage damals und heute auch nicht vergleichen. Die innenpolitische Debatte in den USA um den Irak-Krieg ist heute viel kritischer, und das deutsch-amerikanische Verhältnis hat sich zwischenzeitlich ja auch längst wieder entspannt. Hätte der Kanzler damals das deutsch-amerikanische Verhältnis durch öffentliche Guantánamo-Kritik der Gefahr zusätzlicher Belastungen ausgesetzt, hätten uns die, die jetzt mit dem Finger auf uns zeigen, endgültig als Totengräber des transatlantischen Verhältnisses gegeißelt.